Donnerstag, 25. Mai 2017

Alles Gottgewollt?



Alles gottgewollt?
Des Menschen Gott weilt in der Dialektik der Welt
Von Heerke Hummel
Was ist los in dieser Welt von heute? Alle Ordnung scheint dahin und weiter im Schwinden begriffen zu sein. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident R. Trump ist von Kommentatoren zu hören, die Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges sei beendet. Für uns Deutsche war die politische Nachkriegsordnung schon vor einem Vierteljahrhundert mit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten vorbei. Dabei hatte US-Präsident Richard Nixon die Nachkriegsordnung für das Weltfinanzsystem mit seinem Paukenschlag - der Kündigung des Abkommens von Bretton Woods aus dem Jahre 1944 - bereits 1971 begraben. Danach setzte sich, mehr und mehr, neoliberale Zügellosigkeit in allen Bereichen der Wirtschaft durch: Kapitalismus pur, nach dem Gesetz der Wölfe, das da lautet „fressen oder gefressen werden“ ohne Gnade und – im Unterschied zum Tierreich – ohne Grenzen der Sättigung. Diese Grenzenlosigkeit störte und stört zunehmend den sozialen Frieden der Gesellschaft und das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten; in welcher Hinsicht und in welch katastrophalen Dimensionen, das vermitteln uns täglich die Nachrichten.
Grenzenlosigkeit charakterisierte auch die politischen Konflikte in der Welt seit dem Ende des Kalten Krieges als besonderer Erscheinungsform des politischen Weltkonflikts in der Nachkriegszeit. Das Ende der Bipolarität hatte zur Folge, dass sich die politischen Konflikte in allen Teilen der Welt unkontrolliert ausbreiten, entwickeln und in militärische Auseinandersetzungen ohne räumliche Grenzen umschlagen konnten. Dies dürfte allerdings nur scheinbar in krassem Widerspruch zu der Tendenz der Weltfinanzmärkte stehen, den ganzen Globus zu umschlingen und zu durchdringen, also vermeintlich zu einigen und zu befrieden. Denn diese Finanzmärkte sind Kapitalmärkte mit dem Ziel, Menschen und Natur auszubeuten, um kapitalisierten Wert zu vermehren. Und der Zweck ist auch hier nicht die Sättigung, sondern ein von Menschen gedachtes Prinzip: Nichts zu tun ohne Gewinn! Karl Marx hat es schon vor rund anderthalb Jahrhunderten analysiert und als widersinnig charakterisiert. Dennoch verstummten seine Gegner im Geiste bis heute nicht, allen schlimmen Erfahrungen der Menschheit mit diesem Prinzip zum Trotz. Diese Erfahrungen besagen, dass ökonomische Interessen sich in politischen Interessen und Konflikten äußern und, wenn diese politisch nicht gelöst werden, in militärische umschlagen können. Wer je in der DDR ein Studium absolvierte, dem ist im Pflichtfach „Gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium“ – die Philosophie des dialektischen Materialismus einschließend – vermittelt worden, dass Marxisten in solchem Fall von einem qualitativen Umschwung, von einer qualitativ neuen Bewegungsform eines Widerspruchs sprechen, der dem Konflikt zu Grunde liegt. Dass solche Philosophie bei den Studierenden aus verschiedensten Gründen nicht besonders viel Gehör fand, ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Seinerzeit, zwischen 1949 und 1989, war halt solches Philosophieren für die meisten Menschen in der DDR – und nicht nur für sie - eher graue Theorie. Denn es gab feste Ordnungen in und mit festen Grenzen in den Staaten und zwischen ihnen. All das gewährte (zumindest relative) Stabilität und Sicherheit. Aber 1990 war es damit zunächst im Osten Deutschlands vorbei, dann im Osten und Südosten Europas, in Eurasien und in Afrika.
Die Europäische Union hat inzwischen ein mächtiges Hin und Her, Rauf und Runter erlebt. Die Ordnung, die sie sich in Gestalt der Verträge von … gab, ist so ungenügend, dass sie an sich selbst zugrunde zu gehen droht. Denn sie vermochte es nicht, den seit dem 19. Jahrhundert die Weltgesellschaft dominierenden, grundlegenden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung des Produkts zu lösen, ja nicht einmal seine Verschärfung bis in die Gegenwart hinein zu verhindern. Auch nicht innerhalb der Europäischen Union. Daher muss es nicht verwundern, wenn sich jetzt Menschen für diesen Widerspruch interessieren, die das bis vor zweieinhalb Jahrzehnten wohl am wenigsten taten – Christen, welche die Dialektik von Karl Marx vor allem wegen ihres philosophisch-materialistischen Inhalts und daraus resultierenden Atheismus‘ ablehnen („mussten“). Die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „Die Wirtschaft zur Vernunft bringen. Sozialethische Grundlagen einer postkapitalistischen Ökonomie“ gegen Ende vorigen Jahres könnte nun den zarten Beginn eines Wandels im Bewusstsein der Christenheit bedeuten.

Dienstag, 2. Mai 2017



Elend der Politischen Ökonomie (Kommentar in: „Das Blättchen“-Forum, 30. April, 2017)

Falls es noch interessiert, hier eine Nachbemerkung zum Thema „Politische Ökonomie des Sozialismus“. Von 1963 bis 1967 war ich als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politische Ökonomie der WiwiFak, Fachrichtung PolÖk Sozialismus, der Humboldt-Uni tätig. Für diese Fachrichtung hatte ich mich entschieden, weil ich während des Studiums zu der Meinung gekommen war, dass es gerade auf dem Gebiet Sozialismus noch enormen Bedarf an Forschung und Theorieentwicklung gab. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitswissenschaften Dresden forschten wir in der Lausitzer Braunkohlenindustrie.
Herauszufinden war, wie die Arbeitsleistung der Werktätigen zu erfassen und zu messen ist, um deren materielles Interesse an hohen Leistungen und volkswirtschaftlicher Effektivität zu stimulieren.

Donnerstag, 5. Januar 2017

Zurück zu Keynes?



Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 1/2017 - http://das-blaettchen.de/2016/12/zurueck-zu-keynes-38495.html)
Offenbar weil Politik und Wirtschaftswissenschaft keine plausiblen Antworten auf brennende Tagesfragen mehr zu geben vermögen, haben Kabarettisten sich mehr und mehr der Sache angenommen - dabei nicht nur die Lachmuskeln ihrer  Zuschauer reizend. Vielfach führen sie mit dem aufgedeckten Unsinn des Handelns von Politik und Finanzwirtschaft den Ernst der Lage vor Augen, in der sich die Welt befindet. Wenigstens sie haben die Bodenhaftung noch nicht verloren. Nun hat es sich mit Ulrike Herrmann zu wiederholtem Male eine Journalistin zur Aufgabe gemacht, aufzuklären. Mit ihrem Buch für die Studierenden der Ökonomie, wie sie es nennt, will sie den Leser „das Abenteuer Kapitalismus“ erfahren lassen. Und das könne am besten, wer „seine klügsten Theoretiker kennt. Also Smith, Marx, Keynes.“ Der Titel des Buches, „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, ist einerseits ironisch gemeint. Denn er zielt auf die mathematisierte Mainstream-Ökonomie mit ihren Wachstumsmodellen, die so tut, als könne man sich in die heile Welt der kleinen Wochenmärkte zurückziehen, wo nur Äpfel und Birnen gehandelt werden. Andererseits spielt der Artikel, so die Autorin, auch darauf an, „dass es nicht so einfach ist, den Kapitalismus abzuschaffen“. Denn er sei „ein totales System, das nicht nur die Wirtschaft, sondern alle Lebensbereiche durchdringt.“

Freitag, 9. Dezember 2016

Droge Psychologie



Droge Psychologie
Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 21/2016 - http://das-blaettchen.de/2016/10/droge-psychologie-37555.html)
Es war ein skeptisches Interesse an der Materie, was mich veranlasste, mir Albert Krölls‘ Buch „Kritik der Psychologie“ zusenden zu lassen, als ich ganz zufällig auf diesen Titel aufmerksam geworden war. Schon seit geraumer Zeit war mir aufgefallen, dass immer mehr Menschen die Hilfe von Psychologen in Anspruch nehmen. Was ist los in dieser Gesellschaft, fragte ich mich. Werden wir alle etwas verrückt oder nur Opfer von Scharlatanen? Der Titel jedenfalls versprach Aufklärung. Und er hält sein Versprechen.

Montag, 29. August 2016

Noch eine Bemerkung zum Gold



(Bezüglich Klaus Müller, „Das Blättchen“, Nr. 17/2016)
(Erschienen am 28. 8. 2016 in: http://das-blaettchen.de/forum.html)
Der Autor fragt: „…wie erging es dem Gold seit dem denkwürdigen Tag im August vor 45 Jahren?“ – Um gegen Ende seines Beitrages festzustellen: „Gold hatte seine währungspolitische Bedeutung bewahrt; es war nach wie vor begehrt. Nur so ist der Rücktritt von der Umtauschpflicht logisch, und es wundert, dass der Mehrheit der Währungsexperten dieser naheliegende Grund bis heute nicht aufgegangen ist.
Ja, als ganz besondere, weitgehend wertbeständige und jederzeit tauschbare Ware blieb es was es gewesen war: ein Edelmetall mit all seinen begehrten Gebrauchseigenschaften. Wegen dieser Eigenschaften hat es zwar auch seine währungspolitische Bedeutung bewahrt, doch diese Währungspolitische Bedeutung dürfte es wohl kaum gewesen sein, was den Bruch des Abkommens von Bretton Woods durch die USA „logisch“ machte. Es war doch wohl vor allem die Gefahr des Totalverlusts eines ungeheuren sachlichen Reichtums und universellen Schatzes, was die USA zu diesem Schritt veranlasste. Hätten sie diese Gefahr 1944 für Real gehalten, so dürften sie ihr Gold wohl kaum als Basis eines internationalen Währungssystems zur Disposition gestellt haben. Nur dank ihres Goldes konnten sie sich das Vertrauen aller Partner des Abkommens erschleichen und auf deren Kosten ihre imperiale Politik durch ungeheure Verschuldung finanzieren. Doch der Krug – um mit Heinrich von Kleist zu sprechen – ging so lange zu Wasser, bis er brach. Gerade mal 27 Jahre.
Für mich ist die noch spannendere Frage: Wie erging es dem tatsächlich zirkulierenden (papiernen und elektronischen) Geld nach jenem „denkwürdigen Tag im August“? Was war aus ihm geworden? Rein äußerlich nichts Neues! Doch sein Wesen hatte sich vollkommen verändert. Aus einem Bezugsschein auf Gold hatte es sich in einen Anspruch auf Wert schlechthin, gesellschaftlich notwendige Durchschnittsarbeit verwandelt. Und mich wundert vor allem, dass gerade dies der professoralen Wirtschaftswissenschaft bis heute nicht bewusst geworden zu sein scheint – mit all seinen ökonomischen und wirtschaftspolitischen Konsequenzen. Zu diesen gehört besonders eine ganz neue, regulierende wirtschafts- und geldpolitische Verantwortung der Zentralbanken und des Bankensystems als gesellschaftlicher Institution überhaupt. Unser Geld war – nicht erst damals, aber damals endgültig und eigentlich offensichtlich – aus einer Ware (wenn auch Geldware) zu einem gesellschaftlichen Dokument geworden, das allem Wirtschaften den privaten Charakter auch formal genommen hat. Und schließlich ist festzustellen: Aus einem System von Millionen privaten Betriebsabrechnungen ist ein System gesellschaftlicher Buch- und Rechnungsführung über Wirtschaftseinheiten hervorgegangen, die mit einem hohen Grad von Eigenverantwortung tätig sind. Nichtsdestotrotz hat in diesem neuen System die Allgemeinheit alle Konsequenzen des Wirtschaftens zu tragen: egal, ob es sich beispielsweise um die Nachfolgekosten der Atommüllentsorgung bei der Energiegewinnung handelt oder um die Kosten der Nutzung von Solar- und Windenergie oder um die Kosten des jüngsten VW-Skandals. Alle Kosten kommen irgendwann beim Endverbraucher und Steuerzahler an.
Doch das Erstaunlichste von allem ist, dass noch immer der Glaube dominiert und regiert, Kapitalverwertung, Verwandlung von Geld in mehr Geld, könne ein vernünftiges und effizientes Ziel gesellschaftlicher Produktion sein, dass Spekulation auf Märkten aller Art noch immer als Möglichkeit der Einkommensvermehrung sogar von Staatshaushalten, Lebens- und Rentenversicherungen geachtet statt geächtet wird.

Mittwoch, 20. Juli 2016

TTIP - Die Büchse der Pandora



Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 15/2016 - http://das-blaettchen.de/2016/07/ttip-die-buechse-der-pandora-36649.html)

Licht am Ende des Tunnels! Es besteht Hoffnung, die Unterzeichnung der Freihandelsabkommen der Europäischen Union mit Kanada (Ceta) und den USA (TTIP) doch noch abwenden zu können. Jedenfalls hat die EU-Kommission  am Fünften dieses Monats entschieden, dass 42 nationale und Regionalparlamente in Europa an der Ratifizierung des Freihandelsabkommens mit Kanada beteiligt werden sollen; anstatt, wie ursprünglich vorgesehen, die Sache auf Europa-Ebene zu erledigen. Der Brexit lässt grüßen.
Den Freihandelsbefürwortern beginnen schon seit geraumer Zeit mit der immer stärker werdenden Gegenbewegung die Felle davon zu schwimmen. Darum haben sie zum Angriff geblasen – unter anderem mit einer Broschüre. „Die neue Gewinn-Zone. Wie das Freihandelsabkommen TTIP Europa und Amerika stärkt“ lautet deren Titel. Herausgegeben wurde sie von der Atlantik-Brücke e.V. Laut WIKIPEDIA wurde dieser Verein 1952 als private, überparteiliche und gemeinnützige Organisation mit dem Ziel gegründet, eine wirtschafts-, finanz-, bildungs- und militärpolitische Brücke zwischen der Siegermacht USA und der Bundesrepublik Deutschland zu schlagen. Zu seinen Mitgliedern zählen heute über 500 führende Persönlichkeiten aus Bank- und Finanzwesen, Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft, darunter die Bundeskanzlerin und Bundesvorsitzende der CDU Angela Merkel sowie Sigmar Gabriel, SPD-Parteivorsitzender, Bundesminister für Wirtschaft und Energie und Vizekanzler. Die Atlantikbrücke fungiert als Netzwerk und privates Politikberatungsinstitut.
Die Argumentation der Atlantik-Brücke pro TTIP-Abkommen lässt deutlich werden, dass die bisherigen Einwände der immer breiter werdenden Widerstandsbewegung der Gefährlichkeit der Situation und den von TTIP ausgehenden Gefahren kaum gerecht wird. Die Verfasser der Broschüre weisen auf etliche sicherlich von Vielen einzusehende Gründe hin, eine riesige Freihandelszone zu schaffen, die praktisch den ganzen nordamerikanischen Kontinent und die EU umfasst. Friedrich Merz etwa – vielen bekannt durch seine früheren Bierdeckel-Steuererklärungsdebatten im Deutschen Bundestag als damaliger Fraktionsvorsitzender der CDU – stellt, nun als „Vorsitzender Atlantik-Brücke e.V.“ einleitend fest, Europa und die USA könnten mit TTIP ökonomisch nur gewinnen. Dabei verweist er auf die transatlantische Investitions- und Handelspartnerschaft mit zu erwartenden Folgen wie wirtschaftliches Wachstum, Beschäftigungszuwachs sowie höhere Gehälter und Steuereinnahmen; ferner größere Produktvielfalt und niedrigere Endpreise am Markt. Gerade auch kleine und mittlere Hersteller und Dienstleister, die fest in regionalen Strukturen verankert und verortet sind, meint er, würden mit TTIP wachsen. Hinzu kämen wegfallende Zölle und die Angleichung technologischer Spitzenstandards, sowie hoher Normen im Umweltschutz, Verbraucherschutz und Sozialbereich. Und über die regulatorische Kooperation könnten die transatlantischen Partner durch TTIP künftig gemeinsam daran arbeiten, neue und noch bessere Standards so zu entwickeln, „dass sie von vornherein keine Handelshemmnisse mehr darstellen und vorbildlich sind für die globale Ordnung von Märkten und Regulierungen“. Nicht zu unterschätzen sei dabei die geopolitisch-strategische Dimension von TTIP. Mit diesem Abkommen verbänden die USA und Europa auch die Chance, ihre Werte und Interessen in aller Welt zu verteidigen und zu stärken. Das mag manch einer auch so sehen, zumal Freiheit, Demokratie und Menschenrechte auf der einen Seite sowie Sicherheit, Frieden und Wohlstand auf der anderen Seite als Grundpfeiler der transatlantischen Partnerschaft seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt werden. Und Merz ergänzt mahnend, „der innere Zusammenhang aus einer stabilen demokratischen und pluralistischen Ordnung, der Kooperation in Sicherheits- und Verteidigungsfragen sowie den engen ökonomischen Beziehungen“ müsse beständig erneuert werden. TTIP vermöge als konkretes inhaltliches Projekt „die westliche Allianz zu untermauern, indem sie wirtschaftlich noch enger verbunden wird.“ Das sind deutliche, nicht zu überhörende Worte, die auch all jene von Ängsten vor der Zukunft Geplagten erreichen könnten, die, mit der Gegenwart zufrieden, für ein Weiter so plädieren.  
Was TTIP so gefährlich macht, ist seine vom Kapital, von kapitalistischer Denkweise bestimmte Prägung. Nicht die Vernunft aus der Perspektive des Ganzen, also der Weltgemeinschaft steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern das private Interesse an Kapitalvermehrung als Selbstzweck ist die bestimmende Richtschnur allen Handelns. Diese Dominanz des Privaten schließt Solidarität vom Grundsatz her aus, erzeugt nicht wirklichen Wettbewerb, sondern verlangt bei Strafe des eigenen Untergangs den Kampf aller gegen alle und mit allen Mitteln – um Marktanteile, Energie- und Rohstoffquellen, ökonomische Ressourcen aller Art und Vorherrschaft in jeder Hinsicht. Das ganze 20. Jahrhundert war davon geprägt, mit zwei Weltkriegen, die Europa weitgehend verwüsteten und bis dahin nie gekannte Opfer forderten. Die USA glaubten, aus diesem Kampf als überragender Sieger hervorgegangen zu sein. Inzwischen muss man wohl von einem Pyrrhussieg  sprechen. Denn Amerika hatte die Zeichen der Zeit nicht verstanden und die Bedeutung strategischer ökonomischer Planung und Politik unterschätzt, beziehungsweise es war bis heute in seinem Wahn von Freiheit und von der privaten Natur seines Reichtums und des Geldes gefesselt, handlungsunfähig. China und Russland stehen wieder vor der Tür und versperren den Weg für ein unendliches Wachstum des amerikanischen Kapitals.
Da soll nun das transatlantische Freihandelsabkommen helfen, einen Ausweg zu finden. Amerika und Europa gemeinsam müssten es doch schaffen, Grenzen des Wachstums zu überwinden und mit den Widersachern, Herren der Willkür, fertig zu werden. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer wird in der Broschüre folgendermaßen zitiert: „Wenn TTIP hier globale rechtsstaatliche Standards setzt, wird letztlich kaum eine andere Macht der Welt mehr an diesem modernen Maßstab vorbeikommen – und Investitionen im Ausland können besser als je zuvor weltweit gegen politische Willkür geschützt werden.“ Was politische Willkür wäre, hätten mit TTIP (Sonder-)Gerichte zu entscheiden, nicht das Volk und seine Repräsentanten – allen gegenteiligen, beschwichtigenden Behauptungen zuwider. Das transatlantische Abkommen brächte einen transatlantischen Freibrief für einen totalen Kapitalismus mit all seinen Widersprüchen, die Europa vor hundert Jahren in die erste große Katastrophe führten. Heute steht die Welt vor einer ähnlichen, nicht weniger und sogar für den Bestand unseres Planeten gefährlichen Situation. Denn die Motivation der Handelnden, das private, rücksichtslose Interesse an Kapitalverwertung um jeden Preis, hat sich bis heute nicht verändert.
Amerika braucht Europa für seine Dominanzinteressen in der Welt. Braucht Europa die USA? Nur, wenn wir wirklich die gleichen Interessen verfolgen! In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts glaubten wir Europäer, aus der Geschichte seiner ersten Hälfte gelernt zu haben. Die Integration westeuropäischer Staaten bedeutete den Versuch, die Widersprüche einer vom Kapital geprägten Gesellschaft zu beherrschen. Doch die nicht abreißenden Krisen insbesondere der letzten zehn Jahre zeigen, dass dieses Ziel so gut wie nicht erreicht wurde. Zum dritten Mal innerhalb von hundert Jahren nimmt das deutsche Kapital eine exponierte Stellung in der Welt und besonders innerhalb Europas ein. Fatal wäre es, die Ursache dafür in besonderer Tüchtigkeit der Deutschen zu suchen. Es waren immer die besonderen politischen und ökonomischen Bedingungen Deutschlands und Europas, die dieses Phänomen hervorgebracht haben. Wenn heute von einer besonderen Verantwortung Deutschlands gesprochen wird, die sich aus seiner ökonomischen Stärke ableitet, so müsste ergänzt werden: Ja, und diese Verantwortung besteht darin, voranzugehen bei der politischen Beherrschung des Kapitals, bei seiner Unterordnung unter die ökonomische Vernunft. Es wäre die Befreiung unserer Gesellschaft vom unerbittlichen Zwang der Kapitalmärkte zu Kapitalverwertung und Wachstum, koste es was es wolle. Konkret: Deutschland müsste sich im Rahmen der Europäischen Union und unter Einbeziehung aller Mitgliedländer massiv für strukturpolitische Maßnahmen und Umverteilung ökonomischer Ressourcen innerhalb der EU und zum Wohle aller EU-Bürger einsetzen. Das wäre ein gewaltiges Projekt für Jahrzehnte. Es würde ein grundsätzliches ökonomisches Umdenken erfordern, darauf gerichtet, auf der Basis einer gemeinsamen Währung einen innereuropäischen Reproduktionsprozess als Einheit von Produktion und Verbrauch bei Einbeziehung aller EU-Bürger zu organisieren. Es könnte ein gemeinsames Wirtschaften aller Europäer auf gemeinsame Rechnung mit Bestandsschutz einerseits und zielgerichtetem Niveauausgleich andererseits sein. Wichtige Schritte dahin wären sicherlich entsprechende Investitionsentscheidungen und Vergabe zinsloser Kredite durch die Europäische Zentralbank sowie die Angleichung von Mindestlöhnen und anderen Sozialstandards.
Ein solches Projekt könnte die Europäische Union ohne die Inanspruchnahme außereuropäischer Kapitalmärkte realisieren. Mit 510 Millionen Einwohnern und einem gut qualifizierten Arbeitskräftepotential übertrifft die EU die USA (etwa 320 Millionen) heute bei weitem, auch noch, wenn man den Austritt Großbritanniens (etwa 64 Millionen) aus der EU berücksichtigt. Daraus leitet sich sowohl ein überragender innerer Verbrauchermarkt als auch ein stabiler Markt für Investitionsgüter in der EU auf lange Sicht ab. Das bedeutet: Die Europäische Union könnte ohne TTIP ein wohldurchdachtes ökonomisches Entwicklungsprogramm für Jahrzehnte auflegen und dieses aus eigener Kraft im Interesse aller EU-Bürger kostengünstig auf der Basis hauptsächlich interner Arbeitsteilung und Kooperation realisieren. Das könnte ein Konjunkturprogramm sein, das – ganz im Gegensatz zu dem von Friedrich Merz mit TTIP prophezeiten - nicht auf  Kapitalverwertung und Ausbeutung fremder Arbeit durch Kapitalexport und unfairen Handel abzielt, sondern auf die Mehrung des Wohlstands der eigenen Bürger durch eigene, sinnvolle Leistung bei äquivalentem Austausch mit der übrigen Welt und bei gleichzeitiger Hilfe für sie. Fairer, ausgewogener Handel würde einschließen, den außereuropäischen Regionen die Chance eines eigenen ökonomischen Aufschwungs durch Entfaltung der eigenen produktiven Kräfte zu geben. Auch wissenschaftlich-technische Hilfe könnte dazu beitragen. Das wäre wahre Solidarität über die Grenzen der Europäischen Union hinaus und könnte wesentlich zur Befriedung der Welt beitragen – in völligem Gegensatz nicht nur zu den Waffenexporten, mit denen Europa, besonders Deutschland, zwar gut verdient, sich aber in der Hauptsache unglaublich schuldig macht am Elend der Welt. Das Flüchtlingsdrama an den EU-Grenzen zeigt, dass dieses Elend zu einer immer stärkeren moralischen und ökonomischen Herausforderung für uns Europäer wird. TTIP könnte die Lage nur verschlimmern, weil es die Welt noch tiefer in Arm und Reich spalten würde.
Europa braucht die Freihandelszone mit Amerika nicht, um zu prosperieren. Aber bräuchte Amerika dazu Europa, wie die Autoren der Atlantik-Brücke ebenfalls suggerieren? Nein, denn auch die USA könnten natürlich – entsprechende gesellschaftswissenschaftliche Einsicht und politischer Wille vorausgesetzt – auf ihrem Kontinent ebenfalls schrittweise eine solidarische ökonomische Gemeinschaft gestalten, die, sich allmählich nach Süden ausdehnend, der riesigen, hoch industrialisierten Volkswirtschaft ein praktisch unbegrenztes Konjunkturprogramm zu bescheren vermögen würde. Solch ein Sieg der ökonomischen und politischen Vernunft in den USA ist derzeit noch eine utopische Vorstellung.
Doch in Europa? Auch hier sind die Chancen einer tatsächlichen Wende im ökonomischen Denken und politischen Handeln gering. Dennoch: Der zunehmende Widerstand gegen TTIP lässt hoffen. Um ihn zu stärken, ist immer wieder und überall zu fragen: Wollt ihr Euch ihm wirklich unterwerfen, dem Wahnsinn eines totalen, dann wohl nicht mehr zu beherrschenden Kapitalismus? Die heutige Welt mit ihrem sagenhaften Reichtum einer verschwindenden Minderheit einerseits und bitterster Armut der übergroßen Mehrheit der Erdenbewohner andererseits, mit ihrem Chaos von Kriegen, Zerstörung und Dutzenden Millionen flüchtenden Menschen ist die Frucht eines über zweihundertjährigen ungezügelten Wirkens des Wolfsgesetzes des Kapitalismus. Friss oder werd gefressen, lautet seine Maxime. Mit TTIP würde sein Freiraum unabsehbar erweitert werden. Es käme einer Öffnung der Büchse der Pandora gleich.