Dienstag, 2. Mai 2017



Elend der Politischen Ökonomie (Kommentar in: „Das Blättchen“-Forum, 30. April, 2017)

Falls es noch interessiert, hier eine Nachbemerkung zum Thema „Politische Ökonomie des Sozialismus“. Von 1963 bis 1967 war ich als Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Politische Ökonomie der WiwiFak, Fachrichtung PolÖk Sozialismus, der Humboldt-Uni tätig. Für diese Fachrichtung hatte ich mich entschieden, weil ich während des Studiums zu der Meinung gekommen war, dass es gerade auf dem Gebiet Sozialismus noch enormen Bedarf an Forschung und Theorieentwicklung gab. In Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitswissenschaften Dresden forschten wir in der Lausitzer Braunkohlenindustrie.
Herauszufinden war, wie die Arbeitsleistung der Werktätigen zu erfassen und zu messen ist, um deren materielles Interesse an hohen Leistungen und volkswirtschaftlicher Effektivität zu stimulieren.
Damals gab es gerade eine Neubesinnung auf die Bedeutung der „Wertkategorien“ in der Ökonomik des Sozialismus. Dies „gipfelte“ in dem von der Marxschen Werttheorie ausgehenden Vorschlag eines Professor Lendle in der Theorie-Zeitschrift „Wirtschaftswissenschaft“, die „Verausgabung von Hirn, Muskel und Nerv“ eines zu untersuchenden Werktätigen mit derjenigen eines in der Gewinnung von Gold beschäftigten Arbeiters zu vergleichen und entsprechend dem festgelegten Goldgehalt der Mark der DDR in dieser Währung als erbrachte Leistung auszudrücken. Ich fragte mich damals, wie das alles denn funktionieren sollte und welchen realen Sinn es haben könnte, selbst wenn es gelänge, die Beanspruchung von Hirn, Muskel und Nerv im Arbeitsprozess eines Werktätigen zu erfassen. - Hatte ich doch bei meinen Untersuchungen in der Praxis sowie bei Recherchen in Parteibeschlüssen festgestellt, dass lohnpolitische Entscheidungen und die tatsächliche Entlohnung mit irgendwelcher Leistungsmessung nichts beziehungsweise wenig zu tun hatten und primär davon abhingen, was den Menschen gezahlt werden musste (und sei es durch Tricksereien – z.B. „weiche“ Normen), damit sie überhaupt bereit waren, diese Arbeit an diesem Ort, unter diesen Bedingungen usw. zu verrichten. Nicht eine berechnete Leistung lag dem volkswirtschaftlich „richtig“ stimulierenden Lohn zu Grunde, sondern umgekehrt: ein volkswirtschaftlich sinnvoll stimulierender Lohn war Ausdruck der Leistung des bzw. der Werktätigen und letztlich deren „Wertprodukts“.
Dies als Quintessenz einer Dissertation zu formulieren war nicht möglich. Ich pfiff drauf, suchte mir eine Stelle als Arbeitsökonom in der Wasserwirtschaft und fand mich wiederum in meinen theoretischen Überlegungen, auch die Fragwürdigkeit einer Ware-Wert-Theorie des Sozialismus betreffend, bestätigt.
Als ich schließlich in den 1970er Jahren neben meiner beruflichen Tätigkeit als Redakteur der Wochenzeitung Die Wirtschaft einen allgemeinen Grundriss der gesellschaftlichen Reproduktion (und ihrer notwendigen Erscheinungsform unter den Bedingungen einer Verteilung des gesellschaftlichen Produkts nach der Leistung) verfasst hatte (der natürlich nicht dem ökonomischen System des „Realsozialismus“ entsprach), stieß ich damit erwartungsgemäß nur auf Ignoranz. Nur ein Professor Lotze aus Leipzig antwortete mir - ich möge die Sache in der Schublade lassen. Denn es sei „eine Atombombe“.
Groll lag mir allerdings stets fern, weil mir die Vielfalt der Ursachen für Einsichten und Unverständnis, für Zustimmung und Ablehnung immer bewusst war. Vor allem dies: Der unerbittliche Überlebenskampf dessen, was Sozialismus genannt wurde, mit einem ökonomisch weit überlegenen Gegner, der erst nach seinem (Pyrrhus)Sieg der Welt sein wahres Gesicht zeigen sollte, ließ in der östlichen Hemisphäre – in der Summe eines allgemeinen „Kräfteparallelogramms“ (K. Liebknecht) - nicht mehr Freiheit für die Wirtschaftswissenschaft zu. Doch mein Trost: Die größere Freiheit, die dieser Wissenschaft in der westlichen Welt vergönnt war, war gepaart mit ebenso großer Verantwortungslosigkeit ihrer Akteure und entsprechenden theoretischen Fehlleistungen; auch wenn dafür Nobelpreise quasi wie „Perlen vor die Säue geworfen“ wurden – wie sich mein Klassenlehrer Dr. phil. Hans Weidling seinerzeit an der Oberschule Falkensee im Zusammenhang mit fragwürdiger Benotung von Schülerleistungen auszudrücken pflegte.
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Dazu Antworten
        Heino Bosselmann sagt:
        1. Mai 2017 um 12:17

        Sehr interessant. Und charmant geschrieben. So dass der Text, finde ich, einen Hauptbeitrag wert wäre. – Gedanken: Nach dem, was ich brüchig aus dem „marxistisch-leninistischen Grundlagenstudium“ erinnere, ging „Pol. Ök. Kap.“ mathematisch in Ordnung, diente aber vorzugsweise der Kritik, während „Pol. Ök. Soz.“ im Logischen schwierig zu handhaben war und als eine Art Verklärung fungierte. Ideologisch, klar. (Auf das Bonmot, den Kapitalismus habe ja wenigstens niemand erst erfinden müssen, den Sozialismus – mindestens in seiner konkret wirtschaftlichen Gestalt – aber schon, reagierte ich immer mit bedauerndem Kopfnicken.) – Noch pauschaler und banausiger: Im nachhinein wundere ich mich immer, dass es die paar Jahrzehnte lang überhaupt irgendwie funktioniert hat, und das sogar mit schwachen Partnern im Osten und starken hämisch-missgünstigen Gegnern im Westen. – Sachlicher: Ich könnte mir vorstellen, dass solche redlichen und qualifizierten Kenner wie Sie, Herr Hummel, um die Grenzen und Möglichkeiten „unseres“ famosen Experiments genau wussten. Wie ging man damit um? Gab es hochinoffizielle „Thinktanks“, wo man unter Experten ein offenes Wort aussprechen konnte? Rief Gerhard Schürer mal durch? (Lebte man gar vom „Prinzip Hoffnung“, insofern ja etwa Jürgen Kuczynski den Untergang des Kapitalismus alle vierzehn Tage neu orakelte und offenbar, darin beinahe einem Paulus gleichend, noch zu seinen Lebzeiten zu erleben meinte, in seiner Voraussagen des Hinüberwachsens der zyklischen Krisen des Kapitalismus in die große allgemeine, die dann uns als Sieger dastehen ließe.) – Wer nun wirklich in der „Pol. Ök. Soz.“ wissenschaftlich zu Hause war, der wird das Knirschen im Getriebe rechtzeitig vernommen haben. Und dort, wo die „Pol. Ök. Soz.“ sinnvoll arbeitete, wird sie, stelle ich mir vor, eine Variante der „Pol. Ök. Kap.“ in etwa im staatskapitalistischen Sinne gewesen sein – schon weil wir die Regeln auf der Welt nicht allein machten, sondern im Haifischbecken der großen kapitalistischen World-Player wacker rudern mussten. Recht haben Sie auch darin: Wir waren wohl Philemon und Baucis. Nachdem wir zwar nicht vernichtet, aber eingekauft und den Reproduktions- und Wertschöpfungskreislauf der anderen einbezogen waren, gab’s bei der Verwurstung des Planeten gar kein Halten mehr; und mittlerweile sind Ökonomismus/Konsumismus der einzige Kitt, der die „Demokratie“ als bloß utilitaristisches Prinzip zusammenhält. – Herzlichen Dank jedenfalls für diesen Beitrag. Ich fand Ihre Website und die Bücher. –

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