Donnerstag, 6. Dezember 2018

Risikosport – Sind die alle ein bisschen verrückt?


Von Heerke Hummel

Wer hat sich, angesichts der Waghalsigkeit von Extremsportlern, nicht schon des Öfteren diese Frage gestellt? Wen’s interessiert, der möge Arno Müllers Buch „Risikosport. Suizid oder Lebenskunst?“[i] zur Hand nehmen. Es stellt die Ausbeute der Forschungsarbeit eines Sportwissenschaftlers mit der Absicht dar, „die Aspekte Sterben, Tod und Unsterblichkeit für die Sportwissenschaft aus philosophischer Sicht zu erschließen.“ Behandelt werden darin neben methodologischen Fragen (zu Beginn, wie es sich für eine wissenschaftliche Arbeit gehört) solche definitorischen und historischen Vorbemerkungen wie: Was Sport ist, Historische Aspekte zum Thema Todesrisiko im Sport, Was ist Risikosport? Sodann ein Abschnitt über Sport, Tod und Existenz mit ausgiebiger Analyse existenzphilosophischer Literatur, insbesondere der Äußerungen von Max Scheler, Karl Jaspers, Martin Heidegger und Howard S. Slusher. Ferner ein Abschnitt Sport und Unsterblichkeit, ein weiterer über Sport und Sterben-lernen und schließlich über den Körper im Zeichen des Transhumanismus, wo es um Vorstellungen von der Abschaffung der Sterblichkeit geht.
Wenngleich es dem Autor vorrangig um den Sport und seine Betrachtung aus philosophischer Sicht geht, sind die Aussagen in ihrer Allgemeingültigkeit gewiss für einen großen, sich für solche Fragen interessierenden Leserkreis eine wahre Fundgrube für das eigene Mit- und Nachdenken. Denn es wird ein weites Literaturfeld ausgewertet (das Literaturverzeichnis umfasst nicht weniger als fünfzehn Seiten). In einem Satz fasst A. Müller seine Analyse dieses Materials so zusammen: „Sie ist eine Apologie des Risikosports – wohlgemerkt im Ergebnis, nicht im Hinblick auf die Intention!“ Soll heißen: Der Autor begann seine Arbeit vorbehaltlos und gelangte zu einer positiven Bewertung des Risikosports.
Und was macht seine Arbeit, sein Buch, nun im Einzelnen so spannend?

Freitag, 9. November 2018

Bürgerbewegung Finanzwende - was muss man, was kann man erwarten?


Von Heerke Hummel

Die schwelende Finanzkrise hat dermaßen an Dramatik zugenommen, dass ein Bundestagsabgeordneter der „Grünen“ den mutigen Schritt unternehmen will, zum Jahresende sein Mandat niederzulegen, um als Vorstand der von ihm mitbegründeten „Bürgerinitiative Finanzwende“ zu arbeiten. Nachdem der Paukenschlag dieser Nachricht verklungen und Nachdenken angesagt ist, stellt sich die oben formulierte Frage. Zu betrachten ist, wo die Wurzeln der Krise liegen und welche Voraussetzungen gegeben sein müssten, um die Krise nachhaltig zu überwinden. Vorab nur dies: Es bedarf Änderungen im Grundgesetz!

Freitag, 28. September 2018

Brief an S. Wagenknecht


Heerke Hummel

H. Hummel, Am Plessower See 154, 14542 Werder/Havel; (heerke.hummel@web.de)
                                                                                                (www.heerke-hummel.de)

Frau
Dr. S. Wagenknecht
sahra.wagenknecht@bundestag.de

Werder, 26.September 2018


Betr.: „Hart, aber fair“ / 24. 09. 18 : Die Frage nach dem Eigentum und dem Grundgesetz


Sehr geehrte Frau Wagenknecht!

Bei der oben genannten Veranstaltung der ARD demonstrierten Sie wieder einmal ihr bewundernswertes Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit in dieser so krisengeschüttelten Gesellschaft. Doch in der ganzen Diskussion fiel mir auf, dass auch Sie das entscheidende Problem aller Krisenerscheinungen nicht ansprachen. Es besteht m.E. in der Eigentumsfrage, in der gesellschaftlichen - juristischen - Nichtanerkennung des objektiv, dem Wesen nach bereits gesellschaftlichen Charakters allen produktiv-kommerziellen Eigentums. Dieser ganze durch „Waren“-Austausch und „Geld“-Verkehr vermittelte Bereich (die Anführungszeichen sollen besagen, dass es sich hierbei um Begriffe handelt, die nach der Theorie von Karl Marx für die heutige Realität nicht mehr zutreffend sind) hat schon lange seinen privaten Charakter, sein privates Wesen in mehrfacher Hinsicht verloren:

Erstens hat der gesellschaftliche Reproduktionsprozess die Grenzen alles Privaten in ökonomischer, ökologischer und politischer Hinsicht (Machtfrage und politische Stabilität) seit langem weit überschritten, so dass die Existenz von Natur und Gesellschaft durch ungesteuertes, vom Streben nach Maximalprofit bestimmtes Agieren „privater“ Akteure in Gefahr geraten ist.
Zweitens hat das den gesellschaftlichen Reproduktionsprozess und den „Austausch“ von „Waren“ und Leistungen vermittelnde Medium – das „Geld“ – seinen privaten Charakter verloren. Spätestens seit der endgültigen Abkopplung vom Edelmetall (Gold) im Jahre 1971 durch den Bruch des Abkommens von Bretton Woods seitens der USA ist dieses „Geld“ keine „Allgemeine Ware“ (Marx) und vertritt eine solche auch nicht mehr, sondern mutierte - dem Wesen nach - zu einem Arbeitszertifikat der Gesellschaft. Als solches drückt es für die Gesellschaft geleistete Arbeit aus und bescheinigt Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft. Das bedeutet, dass alle im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess zirkulierende, verausgabte Arbeit beziehungsweise ihr Produkt der Gesellschaft gehört und das Geld den Anteil seines Besitzers daran bescheinigt. Mit dieser Bescheinigung kann der Einzelne als Privater (nicht als produzierender gesellschaftlicher Agent) für seinen wirklich privaten Bedarf und Verbrauch entsprechende Produkte aus dem gesellschaftlichen Fonds beziehen. (Bei den Banken wird zwischen Privat- und Geschäftskonten der Kunden unterschieden.)
Drittens bedarf der Umgang mit diesem Geld, das zu einem entscheidenden Faktor ökonomischer und politischer Macht geworden ist und durch Kredit beziehungsweise Schulden quasi beliebig zu vermehren ist, gesellschaftlicher Regeln und einer gesellschaftlichen Kontrolle. Gleiches gilt für das gesamte Finanzsystem. In Ansätzen wird das auch praktiziert.
Viertens trägt das finanzielle Risiko unternehmerischer Entscheidungen, die fast immer durch Versicherungen aller Art abgesichert sind, letztendlich die Gesellschaft als ganze, besonders dann, wenn die Schäden und Verluste das Leistungsvermögen der Verursacher, die zudem oft nur schwer zu ermitteln und zu belangen sind, weit übertreffen. Die Banken-, Immobilien-, Staatsschulden- und Automobilkrisen der letzten Jahre sind dafür eindrucksvolle Beweise.


Von diesen Überlegungen ausgehend halte ich ein grundsätzlich neues ökonomisches Denken der ganzen Gesellschaft für notwendig, das auf einem Überdenken der Eigentumsfrage basieren und im Grundgesetz verankert werden muss. Dessen jetzige Artikel 14 und 15 werden den Erfordernissen der ökonomischen Realität in keiner Weise mehr gerecht.[i] Erforderlich ist eine grundgesetzliche Anerkennung des gesellschaftlichen Charakters aller kommerziellen Produktion und des Austauschs sowie des damit verbundenen Eigentums – im Unterschied zum tatsächlich privaten Eigentum für den persönlichen Bedarf und Verbrauch. Eine solche Gesetzeslage würde auch der Wirtschaftswissenschaft eine neue Orientierung geben für die Erarbeitung weiterer rechtlicher Grundlagen und Regelungen zum Schutz vor ökonomischen (und sicher auch politischen) Krisen, anstatt Letzteren wie bisher mit Feuerwehraktionen hinterher zu laufen oder sie sogar durch falsche Zielstellungen zu befeuern.

Nun mögen Sie sich fragen, warum ich mich nicht an den Abgeordneten G. Schick wende, der sein Mandat niederlegen will, um als Vorstand der „Bürgerbewegung Finanzwende“ zu wirken. Das habe ich, als sein Vorhaben bekannt wurde, sogar getan und habe eine automatisch erstellte Mail mit der Bitte um eine Spende erhalten. Auch was ich einem „Zeit“-Interview inzwischen entnehmen konnte, weckte in mir eine gewisse Skepsis, ob da wirklich eine Wende angestrebt wird und nicht nur ein paar Reförmchen, um das alte System zu stabilisieren. (Über die Motive der Akteure kann man nur spekulieren.) Natürlich kann auch eine wirklich grundlegende Wende nur Schritt für Schritt erfolgen. Aber das größere Ziel (Befriedigung der konkreten Lebensbedürfnisse der Menschen statt privater, abstrakter Kapitalverwertung um jeden Preis und auf Kosten von Mensch und Natur) muss klar sein sowie das notwendige Bewusstsein vom Wesen der Sache und des Problems, das in Folgendem besteht: Während die reale Welt dem Wesen nach die oben beschriebenen Veränderungen durchgemacht hat, ist das gesellschaftliche Bewusstsein von dieser Welt dort stehengeblieben, wo beziehungsweise wie Karl Marx sie analysiert hat – mit Begriffen wie Warenaustausch, Wert und Kapital, Privateigentum, Konkurrenzkampf und so weiter und wie das ganze System - oberflächlich betrachtet – auch erscheint, weil es juristisch noch immer – entgegen seinem veränderten Wesen – so im Gesetzeswerk der Gesellschaft fixiert ist. Diesen Widerspruch zwischen Sein und Bewusstsein der Gesellschaft, zwischen Objektivem und Subjektivem gilt es mit einer Verfassungsänderung zu überwinden. Dies wird kein leichter und auch kein kurzer Weg sein.

Aber ein solches Vorhaben überhaupt im Auge zu haben und anzugehen traue ich nur Ihrer Partei zu, Frau Wagenknecht. Denn es setzt die Fähigkeit und die Bereitschaft voraus, das theoretische Erbe von Karl Marx, basierend auf der Arbeitswerttheorie von Adam Smith, gemäß den heutigen objektiven Bedingungen weiterzudenken, anstatt in ihm erstarrt zu verweilen oder es gar für Teufelswerk zu halten.

Mehreren Zeitungen habe ich angeboten, der Frage nachzugehen, welche Erfolgschancen die von Herrn Schick ins Leben gerufene Bürgerbewegung haben kann. Das Ergebnis entsprach meinen stillen Erwartungen: Keinerlei Interesse! Keynesianismus und sozialistisches Schreckgespenst, erst recht ein immer noch wirkungsmächtiger Neoliberalismus, lähmen die Kraft und die Bereitschaft, tief eingefahrene Wege und Strukturen des Denkens bei der Betrachtung der Welt zu verlassen, um von den Erscheinungen ökonomischer Vorgänge zu abstrahieren und ihr objektives Wesen zu erkennen. Vielleicht aber kann gerade Sie mein Schreiben anregen, so manche Frage neu zu durchdenken, wenn es in Ihrem politischen Bemühen darum geht, die bisherige Beherrschung der Politik von der Ökonomie zu überwinden und ihr, der Politik, wieder die Kraft zu geben, die Ziele und Wege allen Wirtschaftens zu bestimmen. Denn das ist der Zweck meines Schreibens.

Ihnen wünsche ich Gesundheit, weiter viel Erfolg und starke Auftritte - und verbleibe

mit freundlichen Grüßen


Heerke Hummel

P.S.: Ich erlaube mir, diesen Brief in meinem Blog „Ökonomie abgeschminkt. Wirtschaft im Klartext und ohne Illusionen“ (http://heerkehummel.blogspot.com/) zu veröffentlichen.






[i] Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland

„Art. 14

(1) 1Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. 2Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) 1Eigentum verpflichtet. 2Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) 1Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. 2Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. 3Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. 4Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.


Art. 15

1Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. 2Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Absatz 3 Satz 3 und 4 entsprechend.“

Donnerstag, 14. Juni 2018

Italien. Ein Lehrstück für die EU?


Von Heerke Hummel

(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 13, 18. Juni 2018,
https://das-blaettchen.de/2018/06/italien-lehrstueck-fuer-europa-44582.html

Jüngst (Nr. 23) brachte „der Spiegel“ einen interessanten, in seinen Details von einem zwölfköpfigen Autorenteam fleißig recherchierten Bericht zur Lage auf der Apennin-Halbinsel heraus. Das Ergebnis der Analyse findet sich schon in der Unterzeile auf der Titelseite: „Italien zerstört sich selbst“ - und bringe damit die ganze Europäische Union in Gefahr.Was sich dort im Geburtsland von Dante, Manzoni und Umberto Eco abspielt, scheint eher ein schäbiges Schmierenstück des Polittheathers auf Kosten des Volkes zu sein.

Sonntag, 20. Mai 2018

Egon Krenz, wie er China sieht


Egon Krenz, wie er China sieht
Von Heerke Hummel

(Erschienen in: "Junge Welt", 11. Juni 2018, gekürzt unter "Eine ernste Partei")

Das öffentliche Interesse war groß, als Egon Krenz sein Buch „China, wie ich es sehe“[i] vorstellte. Der Saal im Berliner Karl-Liebknecht-Haus war überfüllt. Was hat gerade dieser Mann heute über dieses umstrittene Land und seine von Vielen nicht weniger beargwöhnte Kommunistische Partei zu sagen? Um es gleich vorweg zu nehmen: Er bewundert China und seine Führung. Kein Wunder, werden jene sagen, die in ihm noch immer den Hardliner in der SED-Führung und Verantwortlichen für „Schießbefehle“ sehen, der nicht zu Kreuze kriechen und sich Asche aufs Haupt streuen wollte. Erstaunlich werden es vielleicht jene finden, die meinen, die DDR würde es noch geben, wäre dieser Staat nicht von reformunwilligen Betonköpfen geführt worden.
Krenz‘ Buch könnte den einen oder anderen vielleicht etwas nachdenklich machen. Der Autor beginnt mit Betrachtungen zum Anlass seiner China-Reise im Herbst vergangenen Jahres – einer Einladung zu einer Konferenz der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der VR China zum 100. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Da werden das politische Fundament und der gesellschaftliche Rahmen des chinesischen Aufschwungs beschrieben und die bedeutenden wissenschaftlich-technischen und ökonomischen Erfolge, insbesondere bei der Bekämpfung von Hunger und Armut, beleuchtet. Doch es wird auch gezeigt, vor welchen Herausforderungen ökonomischer, ökologischer und politischer Art das Land noch steht. Aber der optimistische Grundgedanke, der die ganze Schrift durchzieht, ist eine Weiterentwicklung und Erneuerung des Marxismus im 21. Jahrhundert durch die chinesische Führung. Die Grundlage dafür, so Krenz, wurde schon vor hundert Jahren durch Lenin gelegt, auf den sich auch die heutige chinesische Führung noch beruft.

Samstag, 10. März 2018

China - Vernunft als Wille



China – Vernunft als Wille
Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Heft Nr. 5/2018 - http://das-blaettchen.de/2018/02/china-vernunft-als-wille-43232.html)

Nach siebenjähriger Tätigkeit in China im Auftrag einer deutschen staatlichen Schulbehörde legte Jörg Drenkelfort nun ein Buch[i] vor, in welchem er über seine Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse berichtet. Sein offizieller Status in China öffnete ihm manche Tür, sein allseitiges Interesse an dem bevölkerungsreichsten Land der Erde mit seiner ältesten Kultur erschloss ihm tiefe Einblicke in die chinesische Gesellschaft von heute, in ihr Denken und ihre Probleme, sein verbindliches, einfühlsames Auftreten – wie aufgrund seiner Schilderungen zu vermuten ist - sicherte ihm das freundliche Entgegenkommen der Menschen im Reich der Mitte. Das Produkt: Eine spannende, zum Nachdenken anregende Lektüre für die interessierte Leserschaft.
Drenkelfort schildert seine überraschenden Eindrücke als Neuankömmling in China, führt uns wichtige Lebensabschnitte eines Chinesen vor Augen, macht seine Leser bekannt mit den geistigen Säulen der chinesischen Gesellschaft, vermittelt Vorstellungen von ihrer Mobilität und von den Freizeitbeschäftigungen. Er erklärt die innere Ruhe und Ausgeglichenheit der Chinesen (trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten), ihren Sinn fürs Praktische und ihr Bedürfnis nach Harmonie – im Unterschied zu uns Westlern, bei denen seit den Zeiten der alten Griechen sich alles als Wettbewerb geriert, sich in Auseinandersetzungen und Kämpfen regelt. Der Autor führt seine Leserschaft mit den wichtigsten Festen durch das chinesische Jahr und nimmt sie mit auf seine Reise durch Stadt und Land. Er zeigt, dass für Chinesen Freundschaft nicht das Gleiche bedeutet wie für uns Europäer und gibt Tipps für die Anbahnung geschäftlicher Beziehungen; um schließlich zur aktuellen chinesischen Politik unter Xi Jinping Stellung zu nehmen.

Montag, 4. Dezember 2017

Abstrakte Arbeit - nicht messbar, aber verhandelbar!

Von Heerke Hummel

Der hier (https://www.wirtschaftstheorie-forum.de/wom/?p=11#comment-369) wiedergegebene Disput über Wesen und Messbarkeit der abstrakten Arbeit als Wert bildendes Moment der Produktion von Waren hätte vor mehr als 50 Jahren an der Wiwi-Fak der Humboldt-Universität Berlin geführt worden sein können. Im Zusammenhang mit den ökonomischen Reformplänen der Ulbricht-Administration im Rahmen der Theorie einer „sozialistischen Warenproduktion“ sollte erforscht werden, wie die abstrakte Arbeit gemessen und erfasst werden kann, um sie zur Grundlage einer leistungsgerechten und leistungsstimulierenden Entlohnung sowie volkswirtschaftlich effektiverer Preisbildung unter den Bedingungen eines sozialistischen Planungssystems zu machen. Ich selbst stellte als Wissenschaftlicher Assistent arbeitswissenschaftliche Untersuchungen im Lausitzer Braunkohlenrevier an. Dabei kam ich zu dem Ergebnis, dass die „Verausgabung von Hirn, Muskel und Nerv“ als Leistung von abstrakter gesellschaftlicher Arbeit nicht messbar ist und auch nicht Grundlage oder Kriterium der tatsächlichen Entlohnung der Kohlekumpel war. Auch das Tarifsystem spielte nur eine formale, untergeordnete Rolle. Entscheidend war, so stellte ich fest: Die realen, gezahlten Löhne und Gehälter mussten so hoch und so gestaffelt sein (bzw. waren es), dass die Werktätigen materiell an der Verrichtung ihrer konkreten Arbeitsaufgabe unter diesen bestimmten, notwendigen Arbeitsbedingungen interessiert waren. Zum Beispiel wurden sogar Meister – der schlechteren Vergütung von Meistern gegenüber sogenannten Häuern wegen -  in den betrieblichen Unterlagen nicht als Meister, sondern als Häuer geführt. Und ich zog daraus die Schlussfolgerung, dass die materielle Interessiertheit der Werktätigen das entscheidende Kriterium leistungsgerechter Entlohnung ist und die Herausbildung eines dementsprechenden Lohnsystems einen im Wesentlichen spontanen, nicht a priori berechneten Prozess darstellt. Nicht eine berechnete Leistung (Verausgabung von Hirn, Muskel und Nerv) bestimmt den Lohn, sondern der volkswirtschaftlich sinnvoll stimulierende Lohn drückt die Leistung, das geschaffene Wertprodukt des Werktätigen aus.

Stehen diese Schlussfolgerungen im Widerspruch zu den Erkenntnissen von Karl Marx? Zunächst natürlich nicht, denn seine ganze Analyse betrifft eine auf Privateigentum und spontaner Regulierung beruhende Produktionsweise. Diese Umstände erfordern ja gerade, dass sich das ganz allgemeine, von Marx formulierte „Gesetz der Ökonomie der Zeit“ in der bürgerlichen Gesellschaft über das Wertgesetz durchsetzt und dass im Warenaustausch der Wert als in der Ware vergegenständlichte abstrakte Arbeit im Gebrauchswert des Äquivalents erscheint.
Unter realsozialistischen Bedingungen war das nicht der Fall – ganz im Einklang mit Marx‘  Vorstellungen von der „neuen Gesellschaft“. Der prognostizierte in seiner „Kritik des Gothaer Programms“, in dieser auf der Basis von Gemeineigentum an den Produktionsmitteln nach einem gesellschaftlichen Plan wirtschaftenden, neuen Gesellschaft würde der einzelne Produzent von der Gesellschaft einen Schein bekommen, dass er soundso viel Arbeit geleistet hat. Damit könnten aus dem gesellschaftlichen Vorrat so viel Produkte bezogen werden wie gleich viel Arbeit kosten. Hier unterscheidet Marx nicht zwischen konkreter und abstrakter, hier ist konkrete gleich abstrakter Arbeit gedacht. Sie ist von vornherein, vom Plan her, als Teil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt. Dies war sie im Realsozialismus zwar auch, doch sie musste der bestehenden Unterschiede und der notwendigen materiellen Stimulierung wegen auf abstrakte, gesellschaftliche Durchschnittsarbeit, reduziert werden. Letzteres war für Marx nicht vorhersehbar. Die Reduktion vollzog sich aber nicht – wie in der Marxschen Analyse des Warenaustauschs dargestellt – nach der Produktion auf dem Warenmarkt, sondern vor Beginn der Produktion im realen Lohnvereinbarungsprozess.

Was aber war der Arbeitslohn im Realsozialismus seinem Wesen nach? War er – wie es der formalen Ähnlichkeiten wegen scheinen könnte – wie in der kapitalistischen Welt Wertäquivalent bzw. Preis der Ware Arbeitskraft? Dann hätte der Werktätige seine Arbeitskraft verkaufen gemusst haben. In solchem Fall: an wen aber? An „die Gesellschaft“, deren Mitglied, deren Teil er selber war? Nein, der Lohn im Realsozialismus war eine Bescheinigung über Arbeit, die für die Gesellschaft geleistet wurde entsprechend dem „Gesetz der Verteilung nach der Leistung“ (Leistungsprinzip), und entsprach insofern den Erwartungen von Karl Marx. Doch das Maß war nicht die Zeit der Verausgabung von konkreter Arbeit, sondern die Menge geleisteter abstrakter Arbeit, wobei die Reduktion konkreter auf gesellschaftlich durchschnittliche, abstrakte Arbeit nicht auf Messungen oder Berechnungen beruhte, sondern durch vertragliche Vereinbarungen im Rahmen gesetzlicher Bestimmungen, Vorschriften und Tarifsysteme zustande kam.
Und heute? Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts ist die hier geführte Diskussion über  die Interpretation des von Marx entwickelten Wertbegriffs insofern gegenstandslos, als sich die von Marx analysierten gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend verändert haben, gar nicht mehr existieren. Denn was Lenin vor genau hundert Jahren mit einem revolutionären Akt gezielt initiierte – die Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln und der Produktion -, das vollzog sich in der westlichen Welt im Verlauf von gut einem halben Jahrhundert – und auch wesentlich durch den im Osten existierenden Sozialismus beeinflusst - als spontaner Prozess der Selbsttransformation schleichend, bis heute so gut wie nicht bemerkt beziehungsweise nicht verstanden hinter dem Rücken der Gesellschaft. Produktion, Verteilung und Austausch des gesellschaftlichen Reichtums, einschließlich der damit verbundenen Risiken, haben die Grenzen des Privaten weit überschritten. Das zentrale Element in diesem gesellschaftlichen Prozess des Wirtschaftens, das Geld, hat seinen privaten Charakter mit der Aufhebung des Goldstandards durch die Kündigung des Abkommens von Bretton Woods im Jahre 1971 endgültig verloren. Denn seitdem ist es nichts weiter als ein Arbeitszertifikat, eine Bescheinigung der Gesellschaft für geleistete gesellschaftliche Arbeit und entsprechenden Anspruch auf Teilhabe am Reichtum der Gesellschaft. Es bescheinigt bzw. ist Information über Anspruch auf Produkte beliebiger konkreter Arbeit der Gesellschaft im Maß der abstrakten Arbeit (dargestellt im Geld beziehungsweise im Preis der Ware). Direkt gemessen wird diese abstrakte Arbeit nicht. Sie wird vereinbart und mittels (von Notenbanken kreierten) Währungseinheiten wie Dollar oder Euro ausgedrückt im Preis (als Lohn, Vergütung) der lebendigen konkreten Arbeit,  deren Maß die Zeit ihrer Verausgabung ist. Es handelt sich um einen Prozess der sozialen Auseinandersetzung, der weitgehend spontan, wenn auch nicht unorganisiert abläuft. Und der Unternehmer ist in diesem Prozess zum gesellschaftlichen Agenten geworden.
Wir sehen: Der Westen kam 1971 unwissentlich da an, wo der Osten 1917 bewusst begonnen hatte. Doch der Westen bewahrte immer die unternehmerische Eigenverantwortung und gewährleistete so die ihm eigene hohe Flexibilität in der Wirtschaft. Um diese ging es dann später bei den Reformen des Realsozialismus, die allgemein als dessen Zusammenbruch wahrgenommen, besser: missverstanden wurden.

Und worin besteht heute das Problem? Es besteht vor allem darin, dass in dieser neuen, heutigen Gesellschaft, in der das Geld nur noch eine Information darstellt, der Umgang mit diesem Medium einer gesellschaftlichen Regelung (und Kontrolle) bedarf. Während die unternehmerische Eigenverantwortung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess in dessen sachlichen Strukturen und Aspekten bereits einer weitest gehenden Regulierung und Kontrolle durch Gesetze, Vorschriften und Bestimmungen unterliegt, ist die Freiheit im Umgang mit dem Geld, diesem ganz allgemeinen, abstrakten Inbegriff von Reichtum, der in seiner Abstraktheit keinerlei Lebensgrundlage mehr darstellt, fast grenzenlos. In diesem Widerspruch liegen die Wurzeln des seit dem Ende des 20. Jahrhunderts zu beobachtenden, geradezu von Erscheinungen des Wahnsinns geprägten ökonomischen, ökologischen und sozialen Desasters der Weltgesellschaft.
Worauf kommt es also an?  Zu allererst auf die Gewährleistung eines Primats der Politik über die Ökonomie! Denn die notwendige, sicherlich schrittweise Einschränkung der Freiheit im Umgang mit dem Geld und den Finanzen im weitesten Sinne – und seien diese Eingrenzungen noch so gering – wird immer ein politischer, gesetzgeberischer Akt sein. Dafür gilt es parlamentarische Mehrheiten zu organisieren.
(Siehe auch: H. Hummel, Als das Ende des Kapitalismus begann –
https://sites.google.com/site/heerkehummel/artikel/als-das-ende-des-kapitalismus-begann)