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Dienstag, 1. März 2016

Alles nur Geschichte?





Alles nur Geschichte?
Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 5/2016)

Klaus Behlings Buch „Die Treuhand“ erschien pünktlich zum 25. Jahrestag der deutschen Einheit. Der Autor beschreibt darin – so auch der von ihm gewählte Untertitel -, „wie eine Behörde ein ganzes Land abschaffte“. Das klingt nach Geschichte. Ist es auch, aber bei weitem nicht nur! Denn Klaus Behling ist es gelungen, eine fundierte, umfangreiche politisch-ökonomische Analyse des Transformationsprozesses zu erarbeiten, mit dem die zentralistisch geleitete Wirtschaft der einstigen DDR dem marktwirtschaftlichen System der Alt-BRD angepasst und angegliedert wurde. Er schrieb die Geschichte einer Institution, deren Wirken zu den am meisten umstrittenen Themen der Wiedervereinigung Deutschlands gehörte, welche politisch mit dem Beitritt der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 vollzogen wurde, sich ökonomisch aber bis in die Gegenwart hingezogen hat und als „Kapitel Treuhand“ nach Aussagen des Bundesfinanzministeriums, so K. Behling, erst „2020/21 endgültig abgehakt sein“ wird. Dabei bringt er so hoch brisante Erscheinungen der Gegenwart wie die Pegida-Demonstrationen in Dresden mit der Art und Weise in Verbindung, in der die Treuhand ihre Aufgabe wahrnahm. Der frühere DDR-Diplomat und vielfache Buchautor hat geleistet, was von Regierungsseite „geradezu für schädlich“ gehalten wurde, nämlich „die sensiblen Ermittlungen öffentlich bekannt zu machen und zu diskutieren.“ So lautete nämlich schon 1999 die Antwort im Deutschen Bundestag auf die Frage: „Wie beurteilt die Bundesregierung die Notwendigkeit, in einem öffentlichen Forum die Aufarbeitung des Verbleibs des DDR-Vermögens fortzusetzen?“
Behling vermochte es, in seinem Buch sehr detailliert, realistisch und ausgewogen „die Mühen des ‚Weges ins Wirtschaftswunderland‘ zu betrachten.“  Und er resümiert: „Wunschgemäß ‚nahm uns Helmut an die Hand‘, den Weg wählten die Ostdeutschen selbst. (Sie taten es im März 1990 mit den Wahlen zur Volkskammer der DDR. – H. H.) Es war der des Wechsels in eine andere Gesellschaftsordnung. So etwas ging bislang nur mit Blut und Trümmern, dieses Mal ersetzen Tränen das Blut.“ Das provoziere die Frage, ob die Treuhand alles genau so tun musste, wie sie es tat. Und K. B. meint, es gebe sicherlich immer verschiedene Wege, um ein Ziel zu erreichen. Viele Spielräume für die wirtschaftliche Vereinigung der beiden deutschen Teilstaaten habe es aber nicht gegeben. Beide Partner wünschten, dass es schnell gehen möge. Im Osten sei dieser Wunsch demokratisch legitimiert gewesen, im Westen ein über vierzig Jahre lang akzeptierter Auftrag des Grundgesetzes. Den Transformationsprozess zu verzögern, als sich eine realistische Chance dafür bot, wäre demnach undemokratisch und gesetzeswidrig gewesen. Die Teilung war die aus den Ergebnissen des Zweiten Weltkrieges gewachsene Besonderheit Deutschlands. Mit dem Weitblick eines ehemaligen Mitarbeiters am "Institut für Internationale Beziehungen" in Potsdam bis zum Ende der DDR schätzt Behling ein: „Auch wenn damals nicht viel darüber diskutiert wurde: Politisch ging es um den endgültigen Schlussstrich unter die über vierzig Jahre lange Nachkriegszeit. Sie begann mit dem ‚Wettlauf der Systeme‘ und mündete in den ‚Kalten Krieg‘. Nun hatte ihn die eine Seite gewonnen, die andere verloren. Für den Bereich der Wirtschaft hieß das, die Marktwirtschaft besiegte die Planwirtschaft. Diesen Sieg in die Praxis zu übertragen, war die Aufgabe der Treuhandanstalt.“
Neben vielen Anderen aus Ost und West lässt Behling auch Gerhard Schürer zu Wort kommen, der seine Arbeit als Planungschef an der Spitze der DDR-Wirtschaft im Nachhinein sehr selbstkritisch eingeschätzt hat. Er hatte, so Behling, nicht die Kraft, eine Wirtschaftsreform anzuschieben, weil seine Partei, die SED, nicht reformfähig war. Es sei um die Macht gegangen. Diese wurde „nicht demokratisch errungen, sondern mit dem ‚Primat der Politik‘ über die Wirtschaft ‚gesichert‘. Diese Grundlage des Verständnisses einer ‚sozialistischen‘ Entwicklung schuf eine ökonomische Struktur der DDR, die letztlich zum Verlust der Macht führte.“

Montag, 22. Juni 2015

Illusionen und Hoffnungen sterben zuletzt



Von Heerke Hummel
(Erschienen in; „Das Blättchen“, Heft 13/2015 – www.das-blaettchen.de)
Die Welt ist in Unordnung wie selten vorher, vielleicht wie nie zuvor. Und der Mensch ist das Problem. Seit hundert Jahren befindet sich die menschliche Gesellschaft in einer Dauerkrise und auf der Suche nach Lösungen für die Widersprüche, in die sie verstrickt ist. Dieser Zeitabschnitt wurde einst von den Ideologen des Ostens optimistisch als Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus bezeichnet. Doch vor einem Vierteljahrhundert ging dieser Optimismus vieler Millionen ganz plötzlich verloren. Waren es Illusionen gewesen? Mit den Reformen des Ostens – allgemein als Untergang des Realsozialismus betrachtet – war die Welt ohne das Freund-Feind-Bild orientierungslos geworden, und Pessimismus überzog den Erdball angesichts nicht nur atomarer Gefahren und gesellschaftlicher Katastrophen, sondern auch und vor allem eines drohenden ökologischen Desasters unseres Planeten. Und nur allmählich wird die theoretische Schockstarre überwunden, entwickelt sich wieder analytisches Nachdenken über die Situation, in der sich die Welt befindet, und über Wege zur Wiederherstellung von Gleichgewichten in der Gesellschaft, in ihrer Ökonomie sowie zwischen Mensch und Natur ganz allgemein. Jüngstes Beispiel dafür ist ein Buch von Raul Zelik und Elmar Altvater. Mehrere Wochen führten die beiden einen Dialog „über Mythen des Kapitalismus und die kommende Gesellschaft“, der bereits 2009 veröffentlicht wurde. Nun, 2015, hat man ihn aktualisiert und, durch einen Abschnitt ergänzt beziehungsweise abgerundet, unter dem Titel „Vermessung der Utopie“ erneut als Taschenbuch herausgegeben.[i]
Den Autoren geht es darum, Wege zu finden hin zu einer emanzipierten Gesellschaft. Und sie meinen, die gescheiterten Emanzipationsversuche in der Geschichte der Menschheit hätten gezeigt, wie es nicht geht. Nun werde eine Reflexion über utopische Entwürfe gebraucht, es müsse beantwortet werden können, inwieweit diese Entwürfe einigermaßen realistischen sind. Ob sie tauglich sind, sei daran zu messen, „ob sie den Menschen ein gutes Leben ermöglichen – in ökologischer, sozialer, politischer Hinsicht. Ob sie ermöglichen, die Grundbedürfnisse aller Menschen zu befriedigen, die Natur zu bewahren – aber auch, ob sie zu einer herrschaftsfreien Welt führen, in der die Menschen ihr Leben, auch ihr Arbeitsleben, selbst gestalten können und nicht nur Untertanen sind.“ Eine so formulierte Aufgabe gleicht dem Ei des Kolumbus. Vermochten die Autoren sie zu lösen?

Freitag, 25. April 2014

Jetzt reden sie




Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“ – www.das-blaettchen.de -, Nr.9/2014)

 „… na endlich“, möchte man hinzufügen, „nach einem Vierteljahrhundert!“ Sie, das sind Generaldirektoren von Industriekombinaten und andere hochrangige Wirtschaftsfunktionäre  der DDR. Auf einer Tagung mit dem Titel „Krise und Utopie. Was heute aus der DDR-Planwirtschaft gelernt werden kann“ referierten sie im September 2012 über ihre Arbeits- und Lebenserfahrungen. Ihrer historischen Bedeutung wegen – denn es geht darum, sowohl feindselige als auch ostalgische Bilder von der Wirtschaft des ostdeutschen Staates zu korrigieren – wurden die Beiträge in einem Buch[i] zusammengestellt und so der Nachwelt, zur Information aus erster Hand, erhalten.  
Im „Anhang“ kommt die Kulturwissenschaftlerin Isolde Dietrich auf die Frage „Woher rührt das Schweigen der ostdeutschen Industriekader?“ zu sprechen. Nach Erwägung einer Vielzahl möglicher Antworten sowie Betrachtung zahlreicher Schicksale ist sie zu dem Schluss gekommen, „dass die industrielle Elite der DDR – anders als die politische und militärische – vielfach wirklich keine Zeit hatte, sich ans Aufschreiben des eigenen Lebens zu setzen.“ Denn die allermeisten Industriekader haben, der Autorin zufolge, erfolgreiche Nachwende-Karrieren gestartet. Über die Hälfte von ihnen, ist zu erfahren, hatte zehn Jahre nach der Wende immer noch oder wieder eine Führungsposition mit hoher Verantwortung inne, „wo hohe Professionalität und Pragmatismus, oft auch ihr spezielles Sozialkapital gefragt waren.“