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Samstag, 10. März 2018

China - Vernunft als Wille



China – Vernunft als Wille
Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Heft Nr. 5/2018 - http://das-blaettchen.de/2018/02/china-vernunft-als-wille-43232.html)

Nach siebenjähriger Tätigkeit in China im Auftrag einer deutschen staatlichen Schulbehörde legte Jörg Drenkelfort nun ein Buch[i] vor, in welchem er über seine Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse berichtet. Sein offizieller Status in China öffnete ihm manche Tür, sein allseitiges Interesse an dem bevölkerungsreichsten Land der Erde mit seiner ältesten Kultur erschloss ihm tiefe Einblicke in die chinesische Gesellschaft von heute, in ihr Denken und ihre Probleme, sein verbindliches, einfühlsames Auftreten – wie aufgrund seiner Schilderungen zu vermuten ist - sicherte ihm das freundliche Entgegenkommen der Menschen im Reich der Mitte. Das Produkt: Eine spannende, zum Nachdenken anregende Lektüre für die interessierte Leserschaft.
Drenkelfort schildert seine überraschenden Eindrücke als Neuankömmling in China, führt uns wichtige Lebensabschnitte eines Chinesen vor Augen, macht seine Leser bekannt mit den geistigen Säulen der chinesischen Gesellschaft, vermittelt Vorstellungen von ihrer Mobilität und von den Freizeitbeschäftigungen. Er erklärt die innere Ruhe und Ausgeglichenheit der Chinesen (trotz aller offensichtlichen Widrigkeiten), ihren Sinn fürs Praktische und ihr Bedürfnis nach Harmonie – im Unterschied zu uns Westlern, bei denen seit den Zeiten der alten Griechen sich alles als Wettbewerb geriert, sich in Auseinandersetzungen und Kämpfen regelt. Der Autor führt seine Leserschaft mit den wichtigsten Festen durch das chinesische Jahr und nimmt sie mit auf seine Reise durch Stadt und Land. Er zeigt, dass für Chinesen Freundschaft nicht das Gleiche bedeutet wie für uns Europäer und gibt Tipps für die Anbahnung geschäftlicher Beziehungen; um schließlich zur aktuellen chinesischen Politik unter Xi Jinping Stellung zu nehmen.

Donnerstag, 9. November 2017

Alles gottgewollt?



Des Menschen Gott weilt in der Dialektik der Welt
Von Heerke Hummel

Was ist los in dieser Welt von heute? Alle Ordnung scheint dahin und weiter im Schwinden begriffen zu sein. Seit dem Amtsantritt von US-Präsident R. Trump ist von Kommentatoren zu hören, die Nachkriegszeit des zweiten Weltkrieges sei beendet. Für uns Deutsche war die politische Nachkriegsordnung schon vor einem Vierteljahrhundert mit der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten vorbei. Dabei hatte US-Präsident Richard Nixon die Nachkriegsordnung für das Weltfinanzsystem mit seinem Paukenschlag, der Kündigung des Abkommens von Bretton Woods aus dem Jahre 1944, bereits 1971 begraben. Danach setzte sich, mehr und mehr, neoliberale Zügellosigkeit in allen Bereichen der Wirtschaft durch: Kapitalismus pur, nach dem Gesetz der Wölfe, das da lautet „fressen oder gefressen werden“ ohne Gnade und – im Unterschied zum Tierreich – ohne Grenzen der Sättigung. Diese Grenzenlosigkeit störte und stört zunehmend den sozialen Frieden der Gesellschaft und das ökologische Gleichgewicht unseres Planeten; in welcher Hinsicht und in welch katastrophalen Dimensionen, das vermitteln uns täglich die Nachrichten.
Grenzenlosigkeit charakterisierte auch die politischen Konflikte in der Welt seit dem Ende des Kalten Krieges als besonderer Erscheinungsform des politischen Weltkonflikts in der Nachkriegszeit. Das Ende der Bipolarität hatte zur Folge, dass sich die politischen Konflikte in allen Teilen der Welt unkontrolliert ausbreiten, entwickeln und in militärische Auseinandersetzungen ohne räumliche Grenzen umschlagen konnten. Dies dürfte allerdings nur scheinbar in krassem Widerspruch zu der Tendenz der Weltfinanzmärkte stehen, den ganzen Globus zu umschlingen und zu durchdringen, also vermeintlich zu einigen und zu befrieden. Denn diese Finanzmärkte sind Kapitalmärkte mit dem Ziel, Menschen und Natur auszubeuten, um kapitalisierten Wert zu vermehren. Und der Zweck ist auch hier nicht die Sättigung, sondern ein von Menschen gedachtes Prinzip: Nichts zu tun ohne Gewinn! Karl Marx hat es schon vor rund anderthalb Jahrhunderten analysiert und als widersinnig charakterisiert. Dennoch verstummten seine Gegner im Geiste bis heute nicht, allen schlimmen Erfahrungen der Menschheit mit diesem Prinzip zum Trotz. Diese Erfahrungen besagen, dass ökonomische Interessen sich in politischen Interessen und Konflikten äußern und, wenn diese politisch nicht gelöst werden, in militärische umschlagen können. Wer je in der DDR ein Studium absolvierte, dem ist im Pflichtfach „Gesellschaftswissenschaftliches Grundstudium“ – die Philosophie des dialektischen Materialismus einschließend – vermittelt worden, dass Marxisten in solchem Fall von einem qualitativen Umschwung, von einer qualitativ neuen Bewegungsform eines Widerspruchs sprechen, der dem Konflikt zu Grunde liegt. Dass solche Philosophie bei den Studierenden aus verschiedensten Gründen nicht besonders viel Gehör fand, ändert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt. Seinerzeit, zwischen 1949 und 1989, war halt solches Philosophieren für die meisten Menschen in der DDR – und nicht nur für sie - eher graue Theorie. Denn es gab feste Ordnungen in und mit festen Grenzen in den Staaten und zwischen ihnen. All das gewährte (zumindest relative) Stabilität und Sicherheit. Aber 1990 war es damit zunächst im Osten Deutschlands vorbei, dann im Osten und Südosten Europas, in Eurasien und in Afrika.
Die Europäische Union hat inzwischen ein mächtiges Hin und Her, Rauf und Runter erlebt. Die Ordnung, die sie sich in Gestalt der EU-Verträge gab, ist so ungenügend, dass sie an sich selbst zugrunde zu gehen droht. Denn sie vermochte es nicht, den seit dem 19. Jahrhundert die Weltgesellschaft dominierenden, grundlegenden Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und privater Aneignung des Produkts zu lösen, ja nicht einmal seine Verschärfung bis in die Gegenwart hinein zu verhindern. Auch nicht innerhalb der Europäischen Union. Daher muss es nicht verwundern, wenn sich jetzt Menschen für diesen Widerspruch interessieren, die das bis vor zweieinhalb Jahrzehnten wohl am wenigsten taten – Christen, welche die Dialektik von Karl Marx vor allem wegen ihres philosophisch-materialistischen Inhalts und daraus resultierenden Atheismus‘ ablehnen („mussten“). Die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „Die Wirtschaft zur Vernunft bringen. Sozialethische Grundlagen einer postkapitalistischen Ökonomie“ gegen Ende vorigen Jahres könnte nun den zarten Beginn eines Wandels im Bewusstsein der Christenheit bedeuten.
Herausgegeben wurde es von der Akademie Solidarische Ökonomie (ASÖ – eine aus der ökumenischen Bewegung engagierter Christen hervorgegangene Arbeitsgemeinschaft).  Es ist ein außergewöhnliches Buch, dessen Inhalt weit über seinen Titel hinausgeht. Der Autor, Bernd Winkelmann, will als Theologe über Ansätze und Bausteine einer postkapitalistischen Ökonomie hinaus die sozialethischen und spirituellen Grundlagen einer solchen Ökonomie und ihre geistesgeschichtlichen Hintergründe herausarbeiten. Eine Schlüsselrolle für eine sozialethisch gegründete Ökonomie spielen, so Winkelmann, das Menschenbild und die Frage, „woher  die Kraft zum Guten kommt“. Er wagt „die These, dass wir aus einem Wiedergewinnen einer ganzheitlichen Wirklichkeitserfahrung, aus einem Neuentdecken von Transzendenz und Spiritualität die Umkehrkräfte für eine ‚große Transformation‘ unseres Wirtschaftens und unserer Gesellschaft finden könnten.“

Als das Ende des Kapitalismus begann



Von Heerke Hummel



(Erschienen in: „Sozialismus“, Heft Nr. 12, Dezember 2017, Supplement „Die Oktoberrevolution 1917 und die Folgen“)


Anlässlich des hundertsten Jahrestages der russischen Großen Sozialistischen Oktoberrevolution fehlte es nicht an Versuchen, die geschichtliche Bedeutung dieses herausragenden Ereignisses zu kommentieren. Viele würdigten es als den großen Versuch russisch-bolschewistischer Sozialdemokraten, die Gesellschaftstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels in die Praxis umzusetzen. Andere arbeiteten besonders dasjenige heraus, was in der Folge als Verbrechen des Stalinismus und Verletzung der Menschenrechte in die Geschichte einging und vermeintlich zur politischen Polarisierung der Welt führte. Und wieder andere mochten die Ironie der Geschichte im Auge gehabt haben. Denn schlussendlich seien ja alle Opfer, die der Ost-West Konflikt der Menschheit abverlangte, umsonst gewesen. Der Kapitalismus, dessen Überwindung mit der von den Bolschewiki Russlands am 7. November (nach unserem Kalender) 1917  begonnenen Revolution eingeleitet werden sollte, sei heute so mächtig und weltumspannend wie nie zuvor. Die Kommunisten Russlands und Chinas seien von selbst in den Schoß des Kapitalismus zurückgekehrt.
Ja, so oder so und auch so kann man die zehn Tage, die, wie John Heartfield schrieb, die Welt erschütterten, je nach eigener Lebenserfahrung, Bildung und Erziehung im weitesten Sinne ansehen. Hier allerdings soll gerade deutlich gemacht werden, dass und warum sowohl einerseits Jubel über den Sieg des Kapitalismus im Ost-West-Konflikt als auch andererseits Wehmut über die vermeintliche Niederlage des Realsozialismus unangebracht sind. Denn diese Wehmut wie jener Jubel verkennt wohl das Wesen dessen, was sich in den letzten hundert Jahren ereignet hat. 

Dienstag, 15. September 2015

Gratulation, Herr Varoufakis!



Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“ – www.das-blaettchen.de - Nr.19/2015)

Mit einem Buch hat Yanis Varoufakis, bei Europas Konservativen als kurzzeitiger Skandal-Finanzminister Griechenlands verschrien, bereits 2013 versucht, der Welt klarzumachen, warum es an der Zeit ist, einen Wandel im ökonomischen Denken sowie in der Wirtschafts- und Finanzpolitik einzuleiten. Verbal ist ihm das im Kreis seiner EU-Ministerkollegen während der diesjährigen Brüsseler Verhandlungen zur Lösung der griechischen Schuldenfrage dennoch nicht gelungen. Nun ist die deutsche Übersetzung seines Werks erschienen.[i]

Donnerstag, 18. Februar 2010

Wo liegt das Problem?


Bemerkungen zu dem Vortrag von Herbert Meißner über „Neue Fragen in der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen im 21. Jahrhundert“ („Helle Panke“, 18. Februar 2010)

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Die Eigentumsproblematik im Lichte des Geldsystems

(Vortrag auf der Tagung der Akademie auf Zeit „Solidarische Ökonomie“ in Warburg-Germete, März 2009)
Eine der zentralen Fragen einer solidarisch wirtschaftenden Gesellschaft – und nicht nur einer solchen, sondern der Gesellschaft überhaupt - ist die nach dem Eigentum und dem Geld, die beide miteinander zu tun haben. Sie wird ja gerade in der jetzigen großen Krise wieder vehement in der ganzen Gesellschaft, bis in die Regierungsparteien hinein, erörtert. Sollen Banken verstaatlicht, also „enteignet“ werden? Woher will der Staat das Geld nehmen, das er mit seinen Rettungsaktionen in nie gekannten Mengen ins Bankwesen und in die Industrie pumpt? Was soll weiter damit geschehen? Und vor allem: Was bedeutet das alles?

Ware und Geld in der heutigen Gesellschaft

Oder: Der Wert in der Finanzform

(Erschienen in: "offen-siv", Heft 4/09)
Ich halte es für notwendig, tiefgründiger von den Erscheinungen der Wirklichkeit zu abstrahieren und auf das Wesen der Sache zu schließen, auch was die heutigen Verhältnisse betrifft,  und  zeige
  1. wie sich für Marx Entstehung und Entwicklung der Wertform darstellten,
  2. wie Marx auf ihr schließliches Verschwinden schloss,
  3. dass und wie sich dieser Prozess aus der Logik der kapitalistischen Reproduktion heraus, also auf Grund des Bewegungsgesetzes der bürgerlichen Gesellschaft in der Realität bereits vollzogen hat,
  4. wie dieser Wandel logischerweise zu einer veränderten Betrachtungsweise des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses (quasi aus einem anderen Blickwinkel heraus) führt bzw. durch diese veränderte Betrachtungs- und Darstellungsweise offenbar wird. 

Der vergessene Liebknecht



Erinnerung an das weitgehend vergessene, aber immer noch interessante und auch aktuelle Buch des Mitbegründers der KPD, Karl Liebknecht, "Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung", erschienen  in: "Neues Deutschland", 9./10. Januar 2010, unter dem Titel "Politik als Kunst des unmöglichen"

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Schärfere Töne? Klarere Worte!

(Erschienen in: "Das Blättchen", Nr. 10/2008)

Allenthalben nehmen die Auseinandersetzungen zu. Es geht um Richtungsentscheidungen, notwendige Kurswechsel in der Ökonomie und folglich in der Politik. Die Gegensätze der Interessen in der Wirtschaft und die Verteilungskämpfe strahlen in die Politik aus. Dort haben sie Bewegung sowohl zwischen den Parteien als auch unter ihren inneren Fraktionen hervorgerufen. Die Stärke der Spannungen im ökonomischen Fundament der Gesellschaft von heute drückt sich nicht nur in der Höhe von Lohnforderungen und zunehmender Streikbereitschaft aus (nach jahrelanger Enthaltsamkeit der arbeitenden Nichtgroßverdiener – die anderen bedienten sich selbst). Politisch äußert sie sich in einem – so könnte man eigentlich meinen – marginalen Ereignis. Doch die Wellen, die das Erscheinen und die ersten Erfolge einer kleinen neuen Partei auf der politischen Bühne erzeugen, deuten an, dass der ökonomische Neoliberalismus sich bedroht fühlt. Dessen politische Söldner in den Unionsparteien, unter den Freidemokraten und den Grünen sowie bei der SPD haben den Kampf aufgenommen. Ihre Aufregung, ihre Meinungsverschiedenheiten über die „richtige“ Strategie und ihre inneren Gegensätze im Wettbewerb um die Führung sind allerdings so groß, dass sie sich im Abwehrkampf gegen Die Linke immer wieder ins Gehege kommen.

Randbemerkungen zu Oskar Negt

In seinem Interview „Die Logik des Kapitals“ im ND v. 5. Mai 2005 zum 190. Geburtstag von K. M. formulierte O. Negt unter anderem:

"Heute begreifen immer mehr Menschen, dass diese untergegangenen Staatssysteme (des Realsozialismus – H. H.) nicht die Marxsche Vision von Sozialismus auf den Weg brachten, sondern etwas ganz Anderes, dieser Vision Gegenläufiges."

Die Zentrale Planung entsprach sehr wohl der Marxschen Vision! Auch die Diktatur des Proletariats! Marx und Engels waren auch nicht gerade zimperlich in ihren Äußerungen. Und was ist eigentlich mit China? Dieses „Staatssystem“ ist nicht untergegangen. Man darf sicher nicht so pauschalisieren. Woher sollen wir eigentlich wissen, welche Visionen M. und. E. hatten? Man muss wohl anders an die Sache heran gehen und begreifen, dass die beiden natürlich eine andere Vorstellung haben mussten, weil die weitere technische, ökonomische und politische Entwicklung der Welt überhaupt nicht absehbar war. Wie immer ihre Vision ausgesehen haben mag – sie konnte sich in ihren konkreten Erscheinungen gar nicht erfüllen und musste insofern wie jede Vorherschau eine Utopie bleiben.

Montag, 22. Oktober 2007

Abschied vom "Marxismus"

(Oder: Die veränderte Welt bedarf einer veränderten Theorie)
Es geht hier nicht um einen Abschied von Marx, sondern darum, festzustellen, was die gewaltigen Umwälzungen seit dem 19. Jahrhundert in wissenschaftlich-technischer und ökonomischer Hinsicht sowie ganz allgemein im Leben der menschlichen Gesellschaft für das Theoriengebäude von Karl Marx, für seine Analysen und Schlussfolgerungen bedeuten. Dabei ist zu fragen, wie weit die heutige Realität bezüglich der Produktion und des Austausches sowie der Aneignung und Darstellung des gesellschaftlichen Reichtums von derjenigen zu Zeiten von Marx und Engels abweicht und inwieweit die Analyse der heutigen Wirklichkeit zu neuen Ergebnissen, Einschätzungen und Konsequenzen führt. Unbestritten soll sein, dass Karl Marx wie kein anderer die gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit treffend ökonomisch und politisch analysierte und erfasste, von seinem philosophischen Werk ganz zu schweigen. Und nicht weniger bedeutsam ist sicherlich sein Vermächtnis, das er in methodischer Hinsicht hinterließ.

Der Wunsch als Vater des Gedanken

In den ähnlichen Äußerlichkeiten der Gesellschaft von heute im Vergleich mit der des 19. Jahrhunderts - Jagd nach Gewinn, respektive Profit, als subjektives Ziel allen unternehmerischen Handelns - sehen „Marxisten“, alten Dogmen getreu, das Weiterbestehen der kapitalistischen Produktionsweise, d.h. der kapitalistischen Warenproduktion und Ausbeutung. Denn die Marxsche Erkenntnis ist ihnen heilig.

Der Wert in der Finanzform

Ich wurde gebeten, mich zu dem in „offen-siv“ geführten Disput zwischen Wolfgang Hoss und Hermann Jacobs über Warenproduktion und Geld im Sozialismus zu äußern. Das ist insofern nicht leicht, als bei der Länge der sehr ins Detail gehenden und mit Zitaten gespickten Beiträge die Unterschiede in den Ansichten unscharf werden. Immerhin stimmen ja beide Autoren darin überein, „dass die Theorie, die die Beibehaltung der Warenproduktion in den Ländern des ehemaligen Ostblocks forderte, nicht nur einer grundsätzlichen Revision der Sozialismustheorie von Marx und Engels gleichkam, sondern ein verhängnisvoller Irrtum war.“ (Zitat Hoss) Trotz dieser Übereinstimmung, worin ich beiden folge, meint Hoss, wie er mir mitteilte, „dass das Geld in einer sozialistischen, nicht mehr auf Warenproduktion gegründeten Wirtschaftsordnung fortbestehen kann, und dass es bereits heute schon keine Ware mehr ist“, während Jacobs meint: „… einen Sozialismus mit Arbeitszeitzertifikaten hat es nicht gegeben, er blieb stattdessen beim Geld“, (denn) ein Arbeitszertifikat sei „ein an die Person gebundener Schein über eine Arbeitsleistung…“ Wieso an die Person gebunden?

Ich halte es für notwendig, tiefgründiger von den Erscheinungen der Wirklichkeit zu abstrahieren und auf das Wesen der Sache zu schließen, sowohl was die damaligen „sozialistischen“ als auch was die heutigen Verhältnisse betrifft. Bereits in UTOPIEkreativ (Heft 212, Juni 2008) zeigte ich

  1. wie sich für Marx Entstehung und Entwicklung der Wertform darstellten,
  2. wie Marx auf ihr schließliches Verschwinden schloss,
  3. dass und wie sich dieser Prozess aus der Logik der kapitalistischen Reproduktion heraus, also auf Grund des Bewegungsgesetzes der bürgerlichen Gesellschaft in der Realität bereits vollzogen hat,
  4. wie dieser Wandel logischerweise zu einer veränderten Betrachtungsweise des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses (quasi aus einem anderen Blickwinkel heraus) führt bzw. durch diese veränderte Betrachtungs- und Darstellungsweise offenbar wird.

Nachlese

Klärung eines scheinbaren Widerspruchs

Hier soll ein Widerspruch aufgelöst werden, der zwischen dem, was ich 1989 schrieb, und dem, was ich später dann festgestellt habe, zu bestehen scheint. Bis in die 1990er Jahre hinein war mir der innere Wandel der westlichen Gesellschaft, den diese durch die Fortentwicklung ihres Geldwesens (insbesondere durch die Kündigung des Abkommens von Bretton Woods) erfahren hatte, nicht bewusst, weil ich mich mit ihr so gut wie gar nicht theoretisch auseinandergesetzt, mich nur mit dem Sozialismus beschäftigt hatte. In Auseinandersetzung mit Reformvorschlägen hochrangiger Mitarbeiter der Staatsbank der DDR, die gleich nach dem Fall der Berliner Mauer forderten, „die Wirtschaft wieder vom Kopf auf die Füße (zu) stellen“ und „Schluß mit einer überzentralisierten Kommandowirtschaft“ zu machen, „in der die Leitung der materiellen Prozesse dominierte und das Geld eine sekundäre Rolle spielte“ („NBI“, Nr. 50/89), bemerkte ich (in „Was kann unser Geld?“): „Wer … die jetzige Wirtschaft ‚vom Kopf auf die Füße’ stellen will, indem er anstelle der Dominanz materiell-sachlicher Strukturentscheidungen einen Steuerungsmechanismus mit finanziellen Instrumentarien setzt, wird innerhalb kurzer Zeit noch größeren Schiffbruch erleiden als die bisherigen Strategen. Denn unser „Geld“ ist kein wirkliches Geld im Sinne eines allgemeinen Äquivalents in einer warenproduzierenden Gesellschaft, das man ohneweiteres in ein Steuerungsinstrument der Wirtschaft verwandeln könnte. Als gesellschaftliche Quittung für geleistete Arbeit müsste man es erst in ein solches (wirkliches allgemeines Äquivalent) verwandeln, indem man tatsächlich zuerst nicht nur die Wirtschaft, sondern die gesamten gesellschaftlichen Verhältnisse umkrempelt und die Wirtschaft reprivatisiert, kurz: monopolkapitalistische Verhältnisse schafft – mit all ihren Folgen für die Zuspitzung der gesellschaftlichen Konflikte zwischen hoch industrialisierten Staaten und der Mehrheit der unterentwickelten Welt, mit ihren Folgen für soziale Sicherheit und Harmonie, für Ökonomie, Ökologie und Kultur nicht nur in unserem Lande, sondern in der Welt.“ (Seit nunmehr siebzehn Jahren wissen wir, dass diese Entwicklung auch ohne die Sozialismus-Reformer, „dank“ der D-Mark-Einheit, eingetreten ist.)

Neuer ökonomischer Denkansatz der LINKEN gefragt

Bemerkungen zum Positionspapier der „Kommunistischen Plattform“ betreffend den Sozialismus im 21. Jahrhundert (Material des Landeskoordinierungsrates der KPF in der Partei DIE LINKE des Landes Brandenburg für die 3.Tagung der 13.Bundeskonferenz der Kommunistischen Plattform am 10. November 2007)

Donnerstag, 10. August 2006

Amerikas Geniestreich

(Erschienen in: „Junge Welt“, 10. August 2006 unter der Überschrift „Währung ohne Basis“, übernommen von weiteren Zeitungen und Internet-Redaktionen.)

Was würden Sie, liebe Leser, denken geschweige denn tun, käme jemand daher und lüde Sie ein, in wenigen Tagen gemeinsam des 35. Jahrestages der Weltrevolution zu gedenken? Das Wenigste wäre wohl die bekannte Bewegung mit dem Zeigefinger an den Kopf.

Und dennoch: Als der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Richard Nixon, am 15. August 1971 das Abkommen von Bretton Woods aus dem Jahre 1944 einseitig aufkündigte und in seiner sonntäglichen Fernsehansprache der verblüfften Welt mitteilte, die USA würden ihrer ehemals übernommenen Verpflichtung, je 35 US-Dollar gegen eine Feinunze Gold einzutauschen, fürderhin nicht mehr nachkommen (was bis dahin alle "Experten" der Finanzwelt für unmöglich gehalten hatten), da vollzog er mit einem Federstrich, ohne einen einzigen Schuss abzugeben und ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, was Karl Marx rund 100 Jahre zuvor als die revolutionäre Aktion des internationalen Proletariats prognostiziert hatte.

Donnerstag, 18. September 2003

Sozialismus in zwei Spielarten

Bemerkung zu einem Leserbrief von Gerhard Jährig (ND, 30./31. August 03: "Den Sozialismus haben wir noch gar nicht erlebt"), erschienen in ND, 18. September 03, unter der Überschrift „Keine Lehren, sondern Analysen“

Karl Marx‘ und Friedrich Engels‘ Erwartungen von einer aus ihrer Sicht zukünftigen, wie sie sagten "sozialistischen" Gesellschaft haben sich in Bezug auf deren ökonomische Grundbeziehungen bereits erfüllt – auf zwei verschiedenen Wegen, in zwei verschiedenen Spielarten, aber in ständiger gegenseitiger Beeinflussung und mit furchtbaren Tragödien auf beiden Seiten.

Donnerstag, 3. Juli 2003

Salto rückwärts

Leserbrief von Heerke Hummel, Werder /Havel, zu „Sozialismus auf Pump?“ ND, 1.7.03, S. 5
(erschienen in ND, 3. Juli 03, S. 11)

Liebich hat mit seiner Frage auf dem PDS-Parteitag (wahrscheinlich unbewusst) ein ganz wichtiges und interessantes politökonomisches Problem angesprochen. Denn nicht nur die Zukunft wäre mit Schuldenmachen auf Pump finanziert. Die ganzen vergangenen 50 Jahre sozialen Wohlstands in der Bundesrepublik waren tatsächlich „gepumpt“ – auf dem Wege von Staatsverschuldung und schleichender Geldentwertung.

Donnerstag, 30. Januar 2003

War Hitler vermeidbar?

Leserbrief von Heerke Hummel, veröffentlicht in ND, 30. Januar 2003, bezugnehmend auf einen Bericht im ND v.25./26. Januar 2003 über das erste gemeinsame SPD-PDS-Geschichtsforum, das sich dieser Frage widmete

Nach Ansicht der Veranstalter soll dies „die wichtigste Frage der deutschen Geschichte“ sein.

Meines Erachtens ist diese Frage jedoch völlig belanglos, und eben deshalb konnte sie auch, wie Berichterstatter Tom Strohschneider gleich am Anfang feststellt, nicht beantwortet werden. Geschichte ist geschehen und nicht mehr zu ändern und wird sich nicht wiederholen. Nur im Moment des Geschehens sind die Wege der Entwicklung offen, doch ihr Beginn liegt mit den Ursachen für Geschehnisse aller Art in der Vergangenheit. Deshalb ist die wirklich wichtige Frage für diesen besonders bedeutenden Zeitabschnitt deutscher Geschichte die nach den Ursachen des betrachteten Phänomens. Sie liegen letztlich in der Gesamtheit vorheriger Ereignisse - mit starken und weniger starken bzw. bedeutungsvollen Wurzeln.

Donnerstag, 14. November 2002

Marx' "Kapital" von der Geschichte überholt

Im November 2002 diskutierten Leser im "Neuen Deutschland" zum Thema "Lenin und die russische Revolution", wobei von Kurt Neumann aus Neubrandenburg mit der ironischen Bemerkung gekontert wurde: "Über ´Das Kapital´ und andere Werke scheint danach die Geschichte hinweggegangen zu sein." (ND,14.11.02)

Wenigstens über „Das Kapital“ offensichtlich wohl doch, so zutreffend seine Analyse zur damaligen Zeit auch war. Denn Marx analysiert darin die bürgerliche Gesellschaft als eine Gesellschaft von Warenproduzenten. Er untersucht zunächst den einfachen Warenaustausch Ware-Geld-Ware und weist schon am Anfang darauf hin, dass das Verständnis der einfachen Wertform, also die Darstellung des Wertes der einen Ware im Gebrauchswert der anderen Ware die Voraussetzung für das Verständnis aller Wertformen ist. Er betrachtete dies also als einen Grundpfeiler seiner ganzen ökonomischen Theorie. Marx geht davon aus, daß das Geld als geprägtes Edelmetall selber Wert besitzt, weil und insofern in ihm gesellschaftlich notwendige Arbeit vergegenständlicht ist. Es ist also wie alle anderen Tauschobjekte eine Ware mit Wert und Gebrauchswert.

Die Ablösung des Edelmetall- durch das Papiergeld als Folge der mit zunehmendem Waren- und Geldverkehr einhergehenden Münzverschlechterung (Verschleiß) hat Marx selber noch erlebt und theoretisch beleuchtet und dabei auf dessen (des Papiergeldes) möglichen eigenen Wertverlust durch steigende Warenpreise aufmerksam gemacht für den Fall, dass mehr Papiergeld in Umlauf gebracht wird als Goldgeld zur Vermittlung der Austauschbeziehungen von Waren zirkulieren würde. Allerdings war das für ihn noch die Ausnahme. Die allmähliche Ablösung des Metallgeldes durch „Staatspapiergeld mit Zwangskurs“ (Marx) berührte deshalb nicht seine Theorie der kapitalistischen Warenproduktion, denn bei ihm ist noch das Papiergeld Goldzeichen oder Geldzeichen, und „sein Verhältnis zu den Warenwerten besteht ... darin, dass sie ideell in denselben Goldquantis ausgedrückt sind, welche vom Papier symbolisch sinnlich dargestellt werden. Nur sofern das Papiergeld Goldquanta repräsentiert, die, wie alle andren Warenquanta, auch Wertquanta, ist es Wertzeichen.“

Zu Beginn und im Verlaufe des 20. Jahrhunderts ging dieser Bezug des Papiergeldes auf das Edelmetall mehr und mehr verloren.