Mittwoch, 20. Juli 2016

Brexit – Alles nur Theater?



Von Heerke Hummel
(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 14/2016 - http://das-blaettchen.de/19-jahrgang-2016/14-2016.html)
In Großbritannien gab es ein Donnerwetter, und durch die westliche Hemisphäre ging eine Schockwelle. Schon tags darauf nahm die Entscheidung einer knappen Mehrheit der Briten, die Europäische Union verlassen zu wollen, Züge einer Posse der Weltgeschichte an. Im Kampf zweier Rivalen um die Macht und um die Gunst des Wahlvolks hatte man den Beschluss über eine so wichtige Streitfrage wie die nach dem Verbleib des Landes in der EU der Wählerschaft überlassen. Dies wurde sogar zu einem Ausdruck von in dieser Gesellschaft herrschender Demokratie hochstilisiert - in einer Gesellschaft, in der aber auch alles zur Sache hochgradig spezialisierter Experten geworden ist! Das ist so wie wenn ein Herzkranker seinen Klempner fragte, ob ein Herzschrittmacher angeraten sei; nur, dass es sich beim Brexit um ein in höchstem Maße komplexes Problem handelt. Mit dem so gern angerufenen „mündigen Bürger“ hatte das Referendum hinterm Kanal wenig zu tun. Es ging nicht um Leben oder Tod, Frieden oder Krieg, in den ein Mann ziehen will oder nicht, wie im antiken Griechenland. Über so eindeutige Angelegenheiten darf das Volk schon lange nicht mehr entscheiden.
Das jetzige Ergebnis des Referendums hat innerhalb und außerhalb des Vereinigten Königsreichs weitestgehend überrascht, vor allem auch diejenigen, die in gutem Glauben an die Vernunft der Mehrheit es nicht der Mühe wert hielten, zur Wahl zu gehen. Sogar bei den Befürwortern des Austritts scheint sich der Jubel in Grenzen zu halten. Wer der amtierenden Regierung und vielleicht auch den EU-Oberen nur einen Denkzettel verpassen wollte, hat nun selber Grund nachzudenken. So verwundert es nicht, dass schon achtundvierzig Stunden nach Feststellung des Wahlergebnisses zweieinhalb Millionen Stimmen für ein neues, Wiederholungsreferendum gesammelt waren. Die Schotten, mehrheitlich für einen Verbleib in der EU, wollen nun einen neuen Anlauf für einen Austritt aus dem Königreich unternehmen, damit sie in der Europäischen Union bleiben können.
Und die britische Regierung hat es nicht eilig, dem nicht gewollten „Willen des Volkes“ zu entsprechen und den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union definitiv zu beantragen. Zwei Jahre hat sie für Verhandlungen über die Bedingungen dieses Aktes Zeit. Die, meint man, könne genutzt werden, um die EU unter Druck zu setzen und ihr fürderhin Vergünstigungen abzuringen. Aus dem übrigen Europa tönt es quer durch die Union, durch Institutionen und Parteien „Hü!“ und „Hot!“ Die einen drücken auf Tempo von Austrittsverhandlungen, andere mahnen Ruhe und Bedachtsamkeit an. Ungarns Wirtschaftsminister M. Varga bereitet gar schon „ein Willkommenspaket für Unternehmen vor, die nach der Brexit-Entscheidung der Briten das Land verlassen werden“, und schloss nebenbei einen Austritt Ungarns aus der EU aus. Europa macht den Eindruck von Kopflosigkeit und Zerstrittenheit allerorten. In Übersee macht sich US-Präsident Obama vor allem Sorgen um – wen wundert’s? – das Geld. Die Vereinigten Staaten würden sich mit den europäischen Verbündeten weiter abstimmen, um die Stabilität des globalen Finanzsystems sicherzustellen, erklärte er vor Studenten in Kalifornien. Sogar der Papst meldete sich zu Wort und warnte, mit Blick etwa auf Schottland und Katalonien, vor einer "Balkanisierung" Europas durch weitere Austritts- und Abspaltungsbestrebungen. Damit die EU ihre Kraft zurückerlange, müsse sie offen sein für "Kreativität und gesunde Zwietracht". Sie müsse den Mitgliedstaaten zudem "mehr Unabhängigkeit, mehr Freiheit" geben.

Nach gründlicher Analyse und daraus abgeleiteter Strategie klingen solche Aussagen nicht, eher nach Feuerwehraktionen.  Auch die ersten Reaktionen aus Berlin und den anderen EU-Metropolen lassen demnächst kaum mehr erwarten. Die EU leidet an ihren inneren Widersprüchen und daraus resultierenden Interessengegensätzen. Vor allem geht es dabei um die Erzeugung und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, von dem wir alle als Gemeinschaft leben. Wenn wir Deutschen diese Gemeinschaft wirklich wollen (und wir müssen sie wollen, weil wir sie brauchen), dann müssen wir auch bereit sein zu teilen – sowohl was die Arbeit als auch was die Konsumtion betrifft. Und dies wird, wie die Geschichte lehrt, nicht im Wildwuchs von Märkten zu erreichen sein, sondern muss demokratisch bewusst organisiert, gestaltet werden. Dementsprechend gilt es das System der Europäischen Union umzugestalten. Was gebraucht wird ist eine Regulierung der innereuropäischen Reproduktion mit ökonomischen, finanziellen Mitteln anstelle kleinlicher Vorschriften. Eine zentrale Rolle dürfte dabei die Europäische Zentralbank in Gestalt einer obersten Finanzbehörde spielen. Sie hätte – entsprechend den sachlichen Erfordernissen beziehungsweise Strukturempfehlungen einer europäischen Planungsinstitution – Geld zur Verfügung zu stellen und so umzuverteilen, dass die geistigen und sachlichen Ressourcen dieser Gemeinschaft vollständig für die Befriedigung ihrer Bedürfnisse entfaltet und genutzt werden können.

Voraussetzung einer solchen Strategie wäre ein neues ökonomisches Denken, das nicht auf Wachstum und Kapitalverwertung als Selbstzweck zielt. Ein Denken in dem Bewusstsein, dass die Billionen auf beiden Seiten des großen, allgemeinen Kontos von Soll und Haben in der Summe immer Null ergeben und dass wahrer Reichtum immer von sachlicher, zu gebrauchender, bedürfnisbefriedigender Natur ist! Er lässt sich nicht sparen, sondern muss ständig neu, also reproduziert und konsumiert werden; und zwar von allen. Darum ist die von Deutschland betriebene und vehement verteidigte Sparpolitik, verbunden mit einseitiger Exportoffensive, desaströs für Europa und – neben anderen auch - eine bedeutende Ursache des europäischen Dilemmas. Bislang sieht es leider nicht danach aus, dass dies in Berlin begriffen beziehungsweise in absehbarer Zeit danach gehandelt wird. Doch gerade von hier müssten die entscheidenden Initiativen für Systemveränderungen in der Europäischen Union ausgehen.

So gesehen werden die nächsten Verhandlungen in Brüssel und sonst wo nicht zum Ende des derzeitigen Theaterstücks auf der europäischen Bühne führen, sondern nur den nächsten Akt der Tragödie Europas einleiten. Das Gezänk wird weitergehen, aber die Spannung dahin schwinden, wenn anstelle von Fortschritten Zerfallserscheinungen die Handlung dominieren. Dann könnte es zu einem Ende ohne Applaus kommen und das Volk – nun wieder als Akteur in der Realität - sich einem anderen Stück mit ganz neuen Angeboten zuwenden.

Den Briten ist insofern zu danken, als sie der EU den Ernst der Lage in der Wirklichkeit vor Augen geführt haben. Die da den Brexit wählten, waren zumeist älteren Semesters. Zufall? Wohl kaum! Sie dürften noch von der Denkweise aus der Frühzeit des Kapitalismus geprägt, vielleicht auch seine Nutznießer (gewesen) sein – auf Kosten anderer. Nun, da weltweit von Teilen die Rede ist, fürchten sie irrtümlicherweise um ihr Gespartes. Dass ihr heutiger Wohlstand von der heutigen, jüngeren Generation, dank und innerhalb der EU geschaffen wird, übersehen sie mit ihrem Bild von einer Gesellschaft, in der – im Großen, Nationalen, wie im Kleinen, Persönlichen - jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Dieser Individualismus ist Teil ihres geistigen Erbes und natürlich nicht nur den Briten eigen. Er ist die Frucht von Bildung und Erziehung über Jahrhunderte, an der die Gesellschaftswissenschaft, vor allem auch die ökonomische, bis heute bedeutenden Anteil hatte und besonders in Gestalt des Neoliberalismus noch hat. Freiheit ist das große Modewort, sogar der Papst bedient sich seiner, eben auch im Zusammenhang mit der Europäischen Union und ihrer Krise. Von der Notwendigkeit wird ungern gesprochen. Sie wird als Zumutung empfunden und gern anderen überlassen.

Nach einem Jahrhundert mit zwei Weltkriegen und anderen furchtbaren Krisen hat sich die Mehrheit der Staaten Europas endlich in einer Union zusammengerauft, um das Zusammenleben der Völker gemeinsam, friedlich und zum Wohle aller zu gestalten. Das erfordert Einordnung aller, nicht Unterordnung der einen unter die anderen. Ob die weiteren Verhandlungen in und um Brüssel herum davon geprägt sein werden, ist  fraglich.

Montag, 11. Juli 2016

Sklaven von Google? Sklaven der Gier und der Angst!



Von Heerke Hummel
Eigentlich weiß es jeder: Die Welt, in der wir heute leben, ist längst nicht mehr die, die wir Älteren vor etwa fünfzig Jahren erlebten, geschweige denn wie sie sich vor hundert Jahren darstellte. Nun deutet sich wieder ein Umbruch an. Worum es geht, machte unlängst die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff deutlich. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3. März 2016) erklärte sie nicht nur, „wie wir Sklaven von Google wurden“. Sie machte auch deutlich, wohin die Reise im Zug des 21. Jahrhunderts ihrer Meinung nach zu gehen droht.
Für manchen mag es neu sein, dass Google nicht immer eine Gewinn bringende Unternehmung war. S. Z. erklärt anschaulich, wie es kam, dass aus einer hoch kreativen Unternehmung ein hoch profitables Unternehmen, ein Gigant unter den Wirtschaftsriesen wurde: Google erfand ein Produkt, dessen „Rohstoff“ kostenlos in Gestalt anfallender Daten zum Suchverhalten der Nutzer der Suchmaschine entstand. Diese Datensammlungen wurden genutzt, um die eigene Suchmaschine durch einen ständigen Lernprozess zu verbessern. Dabei wurden in Wechselwirkung mit der Werbeindustrie erstaunliche analytische Fähigkeiten zur Verhaltensvorhersage entwickelt. Shoshana Zuboff sieht darin die Gefahr möglicher Manipulierbarkeit des menschlichen Verhaltens. Beispielsweise führt sie dem Leser vor Augen, dass durch den Zugang zu Daten über den Echtzeitfluss unseres täglichen Lebens etwa im selbst fahrenden Auto nicht nur die Fahrtroute berechnet, sondern auch ein Ziel vorgeschlagen werden kann. Damit sieht sie die Prinzipien der Selbstbestimmung des Menschen in Frage gestellt, wie sie sich im Verlaufe von Jahrhunderten und Jahrtausenden herausgebildet haben. Nicht mehr Angebot und Nachfrage auf der Basis tatsächlicher Bedürfnisse könnten das ökonomische Geschehen bestimmen, sondern gestaltete Märkte würden manipulierten Bedürfnissen entsprechen.
Sehen wir uns nicht schon heute weitgehend in einer solchen Situation? Massenkonsum hat Gruppenzwänge erzeugt, und Gruppenzwänge haben Massenkonsum befördert.  Auf der Strecke geblieben sind dabei die soziale, die ökonomische und die ökologische Vernunft. Auch die politische, weil die Politik nicht mehr versteht, was da in der Wirtschaft eigentlich vor sich geht, und sich darum dem Lobbyismus ergeben muss anstatt die Wirtschaft zu steuern. Die menschliche Gesellschaft als ganze hat sich bereits seit langem zum Sklaven gemacht – nicht nur von Google, sondern eines Prinzips, das da heißt: Kapitalverwertung statt Befriedigung gesellschaftlicher Bedürfnisse als Ziel der Produktion, schrankenlose Ausbeutung unseres Planeten bis zum Verlust seiner Bewohnbarkeit anstelle sinnvoller Bewirtschaftung der Mutter Erde.
Und das soll erst der Anfang eines neuen ökonomischen Monsters sein? Shoshana Zuboff nennt es Überwachungskapitalismus. Und sie charakterisiert ihn als eine gänzlich neue Art von Kapitalismus, als eine systemisch zusammenhängende neue Logik der Akkumulation. Deren Grundlage sei „eine beispiellose Form von Markt, die im rechtsfreien Raum wurzelt“. Die schlimmsten Nachteile dieser erneuten Mutation des Kapitalismus -  der einst Profite aus Produkten und Dienstleistungen schlug, dann aus Spekulation und nun in seiner neuesten Form aus Überwachung - lassen sich nach Ansicht der Wissenschaftlerin nur schwer erkennen und theoretisch erfassen. Denn alles laufe mit extremer Geschwindigkeit ab und werde durch teure, nicht zu entschlüsselnde Rechenoperationen sowie geheime betriebliche Praktiken verschleiert. Hinzu käme eine rhetorisch meisterhafte Irreführung.  
Das klingt nach scharfer Kritik. S. Z. denkt sogar an Widerstand und Aufstand: Nur „eine soziale Revolte, die den mit der Enteignung des Verhaltens verbundenen Praktiken die kollektive Zustimmung entzieht, wird dem Überwachungskapitalismus die Grundlage entziehen können“, schreibt sie und zeigt damit großes Engagement. Doch sie möchte zurück! Wir müssten herausfinden, heißt es weiter, „wie wir in die spezifischen Mechanismen der Erzielung von Überwachungsprofiten eingreifen und dabei der liberalen Ordnung im kapitalistischen Projekt des 21. Jahrhunderts wieder den Vorrang sichern können.“ (Hervorhebung von H. H.) Und wie stellt sie sich das  vor? Sie argumentiert so: Mit dem Vorwurf der Monopolbildung gegen Google oder andere Überwachungskapitalisten vorzugehen hieße, ein Problem des 21. Jahrhunderts mit einer Lösung des 20. Jahrhunderts anzugehen. Darum bräuchten wir „neuartige Eingriffe, die zentrale Faktoren dieses Modells (des Überwachungskapitalismus - H. H.) behindern, verbieten oder einer Regulierung unterwerfen“.
Das klingt überzeugend. Doch man bedenke, dass die Geschichte massenhaft Beispiele dafür liefert, dass bahnbrechende Neuerungen vehement bekämpft wurden aus Angst vor ihren Folgen. Bei Beginn des Eisenbahnwesens etwa befürchteten Skeptiker, die vorbeifahrenden, dampfenden und fauchenden Ungeheuer könnten das Vieh auf den Weiden ausbrechen lassen; den Fahrgästen müsste übel werden bei Geschwindigkeiten um die dreißig Meilen pro Stunde.
Abgesehen davon, dass Verbote nur selten zu dauerhaftem Erfolg führen, ist hier zu fragen, welche Ursachen denn die Datenanalyse so problematisch werden lassen und welche Bedeutung vielleicht die Verhaltensvorhersage für eine wirklich demokratisch organisierte Gesellschaft haben könnte. Die von Shoshana Zuboff gesehenen Gefahren der Datenanalyse von „Überwachungskapitalisten“ resultieren doch gerade aus der spezifisch kapitalistischen Art und Weise der Produktion gesellschaftlichen Reichtums, also auch der Erzeugung und des Gebrauchs von Verhaltensvorhersagen. Aber gerade dieses „kapitalistische Projekt“ möchte die amerikanische Professorin für Betriebswirtschaftslehre für nochmals hundert Jahre gesichert sehen. Das würde dann bedeuten: Nochmals hundert Jahre kapitalistischer Konkurrenzkampf, Kampf um Sein oder Nichtsein, Zwang zu unbegrenztem Wachstum, Zerstörung unserer Umwelt wie auch des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch noch tiefere Spaltung infolge von noch weniger Solidarität. Kampf ums Dasein (hat diese Gesellschaft das Entwicklungsstadium der Wildheit wirklich schon verlassen?) gebiert die Angst vor dem Untergang und befördert die Gier, weil nur die Starken überleben. Damit wäre die eigentliche Gefahr für die Menschheit von heute benannt: Angst und Gier als Folgen des Wolfsgesetzes kapitalistischer Produktions- und Denkweise.
Und woher könnte die Befreiung, die Beseitigung des von Shoshana Zuboff beschriebenen Übels kommen? Die Lösung müsste wohl heißen: Ersetzung des kapitalistischen Konkurrenzkampfes durch das Prinzip der gesellschaftlichen Solidarität, bestmögliche Versorgung aller durch Kooperation anstelle privater Gewinnmaximierung auf einem „wilden“ Markt als Ziel der Produktion.
Mehrfach schon habe ich meine Ansicht geäußert und begründet, dass die ökonomische Basis unserer Gesellschaft ihrem Wesen nach spätestens seit 1971 durch die Beendigung der Golddeckung des Geldes einen qualitativen Wandel erfahren hat. Ihre Erklärung bedarf einer Weiterentwicklung, eines Weiterdenkens der ökonomischen Analyse von Karl Marx im „Kapital“.  Das heutige Geld als Nachweis oder Ausweis eines geleisteten Beitrags an normaler gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit zur Schaffung des Reichtums der Gesellschaft einerseits und Ausdruck des Anspruchs auf entsprechende Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum andererseits ist zu einem gesellschaftlichen Instrument geworden. Seine Schaffung, Entstehung, Ausgabe und die Art und Weise seiner Nutzung kann nicht Privatsache ökonomisch agierender Individuen oder Vereinigungen sein. Es bedarf gesellschaftlicher Regeln für seine Nutzung und seinen Einsatz, damit das gesellschaftliche Leben, vor allem die gesellschaftliche Produktion in ihrem Fluss als Reproduktion einigermaßen stabil abläuft.
In seiner beschriebenen, heutigen Art ist das Geld auch Instrument der Verteilung. Und diese gilt es so zu gestalten, dass nicht nur ein Anreiz zur Schaffung des Reichtums der Gesellschaft gegeben wird, sondern auch die Möglichkeit und die Voraussetzung für dessen kontinuierlichen Verbrauch. Die Gesellschaft als ganze kann Überschüsse an Gütern in ihrer Naturalform nicht beliebig lange aufbewahren, also sparen, weil sie verderblich sind oder technisch veralten. Eine Einkommensverteilung, welche die Gesellschaft immer mehr in Arm und Reich spaltet, missachtet diese ökonomische Grundwahrheit. Und sie ist Ausdruck einer ungeheuren Zukunftsangst,  Gier und auch Dummheit derjenigen, die sich (auf Kosten einer großen Mehrheit) bereichern. Für nichts von all dem sind sie zu beneiden.
Was gilt es also zu verändern? Unsere Rechtsordnung bezüglich der Wirtschaft! Denn es kann kein Menschenrecht auf unbegrenzten Reichtum geben. Unser Planet darf nicht ökonomisch zugrundegerichtet und in die gesellschaftliche Katastrophe geführt werden. Dazu muss unser Rechtssystem notwendige Grenzen setzen - auch was die Einkommens- und Vermögensbildung betrifft. Denn die bis 1971 durch den Goldstandard des Geldes gesetzten Grenzen sind verlorengegangen, haben sich aufgelöst in einem rund hundertjährigen Transformationsprozess der Wirtschaft, dessen formaler Abschluss der Bruch des Abkommens von Bretton Woods war. Wenn heute Vorstände von Banken und Konzernen wie VW, nachdem sie mit teils krimineller Energie Milliardenschäden angerichtet und die Wirtschaft an den Rand der Katastrophe geführt haben, nicht nur nicht zur Verantwortung gezogen werden, sondern ihre geradezu absurden, von ihnen nicht mehr zu verbrauchenden Einkommen weiterhin beziehen, ja sogar weiter erhöhen können, ist die Demokratie massiv in Frage gestellt. (Manche sprechen schon von einem neuen, Finanzfeudalismus.) Und wenn dies wiederum keinen nennenswerten Widerstand bewirkt, so sind wir offenbar von der kollektiven Angst befallen, die weit verbreitete und wohl zur Normalität gewordene Gier zügeln zu müssen. Woher kommt diese Angst? Das tiefere Wesen unserer wirtschaftlichen Existenzbedingungen ist nicht begriffen worden. Wir sind Sklaven infolge ökonomischen Unverstands und politischer Feigheit. Wir fürchten sogar die eigenen ökonomischen Daten und Verhaltensvorhersagen. Bei realer demokratischer Kontrolle ließe sich gerade mit denen die ökonomisch-ökologische Entwicklung in einem breiten gesellschaftlichen Konsens steuern anstatt sie dem Wildwuchs im Chaos der jetzigen Konkurrenzkampfgesellschaft zu überlassen.

Weckruf zur Revolution in der „Sprache des Geldes“



Von Heerke Hummel
Ein sehr bemerkenswertes, weil ungewöhnliches Buch des Briten John Lanchester liegt in deutscher Übersetzung vor. Sein Titel: Die Sprache des Geldes. Der eigentliche Grund, als Schriftsteller dieses Buch zu schreiben, klärt J. L. auf, seien die Offenbarungen der seit 2008 andauernden Krise gewesen: Es klaffe eine gewaltige Lücke zwischen den Menschen, die wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, und jenen, die es nicht tun. Neben Geheimnistuerei und Verschleierungstaktiken sei dafür das verbreitete Gefühl verantwortlich, dass es so für beide Seiten viel einfacher war. Die Finanzleute hätten niemandem erklären müssen, was sie eigentlich im Schilde führten, durften ihre eigenen Regeln schreiben und hätten nicht schlecht davon profitiert. Und „wir anderen fanden es äußerst angenehm, uns nicht den Kopf über ökonomische Fragen zerbrechen zu müssen.“ So gesehen ist das Buch fast ausnahmslos jedem Staatsbürger unserer Republik, einschließlich unserer Spitzenpolitiker, als Lektüre zu empfehlen. Denn als ich gleich nach der Pleite von Lehman Brothers eine Lutherkonferenz in Berlin ihrer ökonomischen Themenstellung wegen  besuchte, vernahm ich aus dem Munde von hochrangigen Politikern aller im Bundestag vertretenen Parteien, einschließlich unseres heutigen Finanzministers, dieses wie abgesprochen formulierte Bekenntnis: Ich bin überrascht, ich habe die Vorgänge auf den Finanzmärkten nicht verstanden.
Lanchesters Aufklärung über die heutige Welt der Ökonomie ist ebenso originell wie unterhaltsam geschrieben und für den mitdenkenden Leser verständlich. Diesen mag er mit so manchem Bonmot der Wirtschafts- und Theoriengeschichte überraschen; etwa mit der Phillipsmaschine, der Schöpfung eines Neuseeländers, der aus Teilen alter Lancaster-Flugzeuge eine Maschine baute, welche mittels verschiedener Wasserströme die Funktionsweise der gesamten britischen Volkswirtschaft veranschaulichen sollte.
Im Teil Geldlexikon seines Buches erklärt er Begriffe auf seine, spezielle Weise. Manch einen Leser wird er da des Öfteren nicht zufriedenstellen. Aber unzutreffend ist es eben auch nicht, wenn er zum Beispiel formuliert: „Kapitalismus Ein viel zu umfangreiches Thema, um es in einem Lexikoneintrag zusammenzufassen. Einen Gesichtspunkt aber sollte man an dieser Stelle vielleicht betonen, nämlich den, dass das wichtigste Element bei diesem Begriff das Kapital ist. Nicht der Mensch, sondern das Kapital. … (Die Wut vieler Kritiker der internationalen Finanzwelt – H. H.) speiste sich hauptsächlich aus dem Umstand, dass die Banken dermaßen groß und mächtig geworden waren, dass sie im Grunde genommen keine kapitalistischen Institutionen mehr waren. Sie hatten sich vielmehr zu monströsen Hybridgebilden aus staatlicher Förderung und privatem Profitgebaren verwandelt, deren Hauptinteresse nicht in einem funktionstüchtigen Kapitalismus, sondern in der Versorgung ihrer Führungskräfte mit horrenden Honoraren lag. Ein privater Investor – ein hundertprozentiger, erzkonservativer Anhänger des freien Marktes – drückte das mir gegenüber einmal so aus: ‚Die Banken haben den Kapitalismus kaputtgemacht.‘“
Hier wird zwar keine Theorie entwickelt, jedoch ein großes Gespür für den grundlegenden Wandel, der sich auf dem Gebiet der Ökonomie seit fast einem halben Jahrhundert weltweit vollzogen hat. Und Lanchester ist der eigentlichen Wahrheit, der theoretischen Erklärung dieses Wandels sehr dicht auf der Spur, wenn er – den Politologen und renommierten Historiker David Runciman zitierend – schreibt: „Die Welt, die Ende der siebziger Jahre auseinanderbrach, hatte schon zu Anfang jenes Jahrzehnts begonnen, sich aufzulösen. Dazu trug eine Reihe von Krisenfaktoren bei, unter anderem das traurige Ende des Bretton-Woods-Abkommens …“  Was war daran so bedeutsam? Der Bruch des Abkommens von Bretton Woods beendete die Bezogenheit des Geldes auf Gold als Geldware (Begriff der Marxschen Geldtheorie). Das Geld war plötzlich, buchstäblich über Nacht, selbst keine Ware mehr, nicht einmal mehr Stellvertreter einer Ware, nämlich des Goldes. Aber was dann? Bei Lanchester lesen wir: „…diese digitalen Einsen und Nullen messen den Wert unserer Arbeit … Und diese Einsen und Nullen werden von Regierungen ins Leben gerufen, …sie können einfach verkünden, dass es von jetzt an mehr elektronisches Geld gibt. Wir neigen dazu, das Geld als eine physische Einheit zu betrachten, ein Objekt, aber das ist es in Wahrheit gar nicht. Modernes Geld ist zu einem Vertrauensakt geworden, zu einem Akt des Kredits und des Glaubens.“
John Lanchester hat -  obwohl die Theoretiker der Ökonomie eher belächelnd - eine exakte theoretische Verallgemeinerung der Realität nur knapp verfehlt. Denn nach marxistischem Verständnis besitzt die Arbeit keinen Wert, sondern sie schafft ihn. Daher müsste es richtigerweise heißen: Die Einsen und Nullen messen – beziehungsweise drücken aus - unsere Arbeit als gesellschaftliche Durchschnitts- oder Normalarbeit. Und zu ergänzen wäre: Das moderne Geld ist zu einer Information über gesellschaftliche beziehungsweise für die Gesellschaft geleistete Arbeit geworden. Es drückt aus, welchen Beitrag an Arbeit der Einzelne zur Schaffung des Reichtums der Gesellschaft geleistet und welchen Anspruch er also darauf  hat. Kann das angesichts absurder Vergütungen von Bankern sein? Ja! Denn was hier formuliert ist, stellt einen allgemeinen, wesentlichen Zusammenhang in unserer heutigen ökonomischen Realität dar. Die Boni der Banker und sonstige Einzelfälle bilden (gesetzlich noch nicht unterbundene) Ausnahmen von der ökonomischen Gesetzmäßigkeit. Die aber spiegelt ein neues Wesen der ökonomischen Basis dieser Gesellschaft wider: Das neue, „unbegrenzte“ Geld basiert allein auf dem Vertrauen in die ökonomisch organisierende Kraft des Staates.
Bislang ist der Staat seiner ökonomischen Aufgabe, dem ganzen System der Wirtschaft per Gesetz zwar hinreichende Freiräume zu schaffen und zugleich aber auch die notwendigen Grenzen zu setzen, bei weitem nicht gerecht geworden. Das war die Folge des dominierenden Einflusses des Neoliberalismus auf  die Politik seit den 1970er Jahren. Lanchester erläutert das am Beispiel von Margaret Thatcher und Ronald Reagan. Anstatt die in den 50er und 60er Jahren begonnene staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft nach der Kündigung des Abkommens von Bretton Woods den neuen Basisbedingungen entsprechend zu intensivieren, leiteten diese Politiker eine weltweite Wende („Gegenrevolution“) hin zum Rückzug der Politik aus der Wirtschaft ein. Es war die Folge des Umstands, dass weder Theoretiker noch Politiker die Bedeutung des 1971er Umbruchs in der ökonomischen Basis (der selbst nur Endpunkt einer vorherigen latenten Entwicklung war) verstanden hatten. Daher waren sie auch nicht in der Lage, die notwendigen Konsequenzen für die Weiterentwicklung des politischen, juristischen und geistig-kulturellen Überbaus der Gesellschaft zu ziehen. Und so wurde das weite Feld der Wirtschaft einfach den Praktikern der Märkte und dem Wolfsgesetz des Kapitalismus überlassen.
Inzwischen gärt es wegen des unerträglich gewordenen Widerspruchs zwischen Arm und Reich in der ganzen Welt, Millionen Menschen sind auf der Flucht vor Krieg, Hunger und Not. John Lanchester erwartet nun, noch einmal David Runciman zitierend, eine „Gegen-Gegenrevolution, angeführt von fortschrittlichen Köpfen, die …nicht davor zurückschrecken, das System … zu stürzen. … Wenn das gegenwärtige Jahrzehnt zu Ende geht, werden wir vielleicht sehen, wer.“
Bleibt nur hinzuzufügen: Das Wesen einer solchen Revolution müsste – marxistisch gesehen - die Anpassung des politischen, juristischen und geistig-kulturellen Überbaus der Gesellschaft an die Erfordernisse ihrer veränderten ökonomischen Basis sein. Ihre Erscheinungsweise könnte sich – je nach den konkreten Umständen der gesellschaftlichen Konflikte – sehr unterschiedlich darstellen, bis hin zu einem zähen Reformprozess, nur der Not der Umstände gehorchend.

(John Lanchester, Die Sprache des Geldes. Und warum wir sie nicht verstehen (sollen),
J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, Stuttgart, 2015, ISBN 978-3-608-94899-8 352 S.)