Mittwoch, 22. Oktober 2008

Hallo, Fräulein Luxemburg!

(Erschienen in: Das Blättchen, Heft 21, 13. Oktober 2008)


Eduard Bernsteins Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg bildet eine geistreiche Lektüre, die heute so aktuell und spannend zu lesen ist wie vor gut hundert Jahren, zumal die Sozialisten der Gegenwart wohl kaum unter mehr leiden als unter Theoriedefiziten. Letztere sind offenbar eine notwendige Folge der gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche der letzten zwei Jahrzehnte, die alles sozialistische Gedankengut in Frage stellten und die theoretisch wohl kaum ohne ganz neue Denkansätze zu bewältigen sind. 

Thesen zur Krise des internationalen Finanzsystems

(Erschienen in: „Das Blättchen“, Nr. 22 / 2008)
  1. Das Charakteristische der Ökonomik am Beginn des 21. Jahrhunderts ist neben der Globalisierung der Produktions- und Finanzbeziehungen die Abkopplung der Finanz- von der Realwirtschaft. Dies war eine Folge der Abkopplung der Währungen vom Edelmetall durch die Kündigung des Abkommens von Bretton Woods seitens der USA im Jahre 1971.

Sarkozys Riecher

Mit seinem Vorschlag, eine EU-Wirtschaftsregierung einzurichten, rief der französische Staats- und EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy einen entsetzten Aufschrei des ganzen neoliberalen Lagers, insbesondere in Deutschland, hervor. Private Milliarden- und Millionärsvermögen durch staatliche Neuverschuldung retten? Ja! Aber privaten Ansprüchen und Kompetenzen von Staats wegen Zügel anlegen? Gottbewahre!

Die deutschen Philister eines Dogmas von der unbegrenzten Freiheit privater Gier nach trockenem Finanzreichtum misstrauen dem aus dem Bauch heraus formulierenden Franzosen, der sich mehr von seinem feinsinnigen ökonomischen Instinkt als von ewig geltenden Grundsätzen leiten lässt – und dennoch das Richtige ins Kalkül zieht.

Krise der Banken - Krise der Wissenschaft

(Erschienen in: Vorwärts.de, 28. 10. 2008)

Nachdem die Finanzmärkte in die Krise gerieten, werden die Schuldigen gesucht. Die Regierung macht sie im Management einiger Banken aus, Oppositionspolitiker haben auch diejenigen im Visier, die mit ihrer Gesetzgebung eine ungezügelte Spekulation erst ermöglichten. Was sie selber alle taten oder in verantwortlicher Position getan hätten, wird kaum hinterfragt. Auch Professoren, zum Beispiel an der Universität Potsdam, gehen nicht in sich, sondern stellen vor den Studenten und der interessierten Öffentlichkeit als erstes klar, nicht das System stecke in der Krise, sondern einzelne Banker hätten unverantwortlich, teils kriminell gehandelt.

Glauben und wissen

(Erschienen in: "Das Blättchen", Nr. 25, 8. Dezember 2008)

Fährt man von der Autobahnausfahrt Wildeck - Obersuhl (A4 Dresden – Bad Hersfeld) über Solz nach Bebra, so ist kurz vor dem kleinen, jetzt der Stadt eingemeindeten Ort Imshausen rechterhand auf einer Anhöhe ein großes, mahnendes Holzkreuz kaum zu übersehen. An seinem Fuße erinnert ein Stein an  Adam von Trott zu Solz. Der Wurde nach dem 20. Juli 1944 zusammen mit Freunden des Kreisauer Kreises ermordet. Er ist „Gestorben mit den Freunden im Kampfe gegen die Verderber unserer Heimat“. So steht es auf dem Stein unweit des Anwesens seiner Eltern.

Signale einer neuen Gesellschaft

Bemerkungen zu: M. Brie/ Ch. Spehr, Was ist Sozialismus? In: "kontrovers", Beiträge zur politischen Bildung, herausgegeben von der Rosa Luxemburg Stiftung und WISSENTransfer, 01/2008)
(Erschienen in: "Das Blättchen", Nr. 3, 2. Februar 2009)

Während in aller Welt Hunderte Milliarden Dollar und Euro staatlich mobilisiert werden, um Banken und Unternehmen vor dem Ruin zu bewahren, fragt man sich bei der Linken: „Was ist Sozialismus?“[1] – Ein neuer, sozialistischer Idealismus? So mag es vielleicht scheinen. Aber es ist mehr, mehr als ein historischer Rückblick sozialistischen Selbstverständnisses bzw. Vorausblick ins 21. Jahrhundert. Jedenfalls vermitteln M. Brie und Ch. Spehr die Erkenntnis, die sozialen, kulturellen und technologischen Umbrüche der letzten vierzig Jahre hätten zur Entstehung eines offenen Sozialismus (gemeint ist wohl: Vorstellung von Sozialismus) geführt, und dieser „zielt nicht auf die Verwirklichung eines vorgegebenen Modells, sondern auf die Ermöglichung nicht vorhersehbarer Entwicklungen“ und könne als Richtung gesellschaftlicher Entwicklung „auch nicht durch die wissenschaftliche Einsicht einer Avantgarde vorweggenommen werden, die von oben führt und steuert.“ Schlussfolgernd wird dann u. a. die wichtige Frage aufgeworfen: „Welche Reformen führen zu einer substantiellen Veränderung der Eigentums- und Machtverhältnisse und weisen über den Kapitalismus hinaus?“

Montag, 5. November 2007

Zins als Anachronismus

Bemerkung zu: „Seltsame ‚Freiwirtschaft’“ von Heiko Langner, (ND, 27./28. Oktober 2007)

(Veröffentlicht in: "Neues Deutschland", 5. November 2007, S. 14)

Langners Kritik an der „Freiwirtschaft“ sollte nicht dazu verführen, den Zins in unserer heutigen Gesellschaft zu rechtfertigen. Langner irrt, wenn er meint, es seien „schlichtweg die Produktionsmethoden einer kapitalistischen Marktwirtschaft, die zur Entstehung eines Zinses führen …“.