Freitag, 22. Oktober 2010

Zwanzig Jahre zu spät?

(Erschienen in: "Das Blättchen", Nr. 6/2010)

Es gärt. Nicht nur in Griechenland, und nicht erst seit heute! Seitdem das Gespenst des Sozialismus sich vor zwei Jahrzehnten entmaterialisierte, wabert es in aller Welt durch Gehirne, Organisationen und diverse Netzwerke als Protest und – meist namenlose – nebulöse Alternativsuche zur nicht verschwundenen Realgesellschaft eines globalen „Raubtierkapitalismus“. Auf solcher Suche befindet sich auch das ökumenische Netzwerk „Kairos Europa“. Es kritisiert nach eigener Aussage nicht nur die bestehenden Verhältnisse, sondern will „auf dem Weg zu einem Europa für Gerechtigkeit“ als Teil einer weltweiten Bewegung an ihrer Überwindung mitwirken. Auf seiner Internetseite (www.kairoseuropa.de) heißt es, es gebe Grund zu der Annahme, dass weltweit ein kultureller Wandel im Gange ist. Das zeige sich weltweit in zahlreichen ermutigenden Sozialen Bewegungen und spannenden Projekten. Immer mehr Bücher entwürfen aus der Kritik heraus konkret lebbare Alternativen. In Europa schlössen sich zunehmend Menschen zusammen, um in genossenschaftlichen Einrichtungen das vorherrschende Konkurrenzprinzip durch Solidarische Ökonomie zu überwinden.



„Kairos Europa“ versteht sich als ein dezentrales Netzwerk von Initiativen, Gruppen und Einzelpersonen in Europa, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen. Gemeinsam mit Kirchen, sozialen Bewegungen, Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen kämpft es für eine gerechtere und tolerantere Gesellschaft. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die biblisch-theologisch begründete Informations-, Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit zu Themen der Einen Welt, wobei man sich um Kooperationen und Bündnisse mit der nicht-kirchlichen Zivilgesellschaft, etwa sozialen Bewegungen und Gewerkschaften bemüht.

Der Name soll zugleich Vision sein: das griechische Wort KAIROS bezeichnet im Angesicht der Krise die Chance für Umkehr und Neubeginn. Die Geschichte, heißt es, kenne zahlreiche dieser entscheidenden Momente, in denen der beharrliche Protest von Menschen gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit fundamentale Veränderungen bewirkt hat. Und mehr denn je stehe heute die ganze Welt in einem solchen KAIROS: der Krise als Chance der Befreiung vom Joch eines immer entfesselteren Kapitalismus. Denn dieser sei gekennzeichnet durch die Verarmung der Vielen bei gleichzeitiger Bereicherung der Wenigen; er befördere Gewalt und Krieg und vernichte unsere natürlichen Lebensgrundlagen und Mitkreaturen. Diese Zeichen der Zeit forderten heraus, der zerstörerischen Struktur der Weltwirtschaft und ihrer sich imperial zuspitzenden Absicherung zu widerstehen, ihr gemeinsam mit anderen Bewegungen Alternativen entgegen zu setzen sowie für deren Umsetzung zu kämpfen. Denn: Eine andere, bessere Welt ist möglich!

Genau dies entspreche Dietrich Bonhoeffers Nachdenken über Kirche und Wirtschaft, meint Ulrich Duchrow, Professor für systematische Theologie an der Universität Heidelberg und Kairos-Europa-Aktivist. In seinen Vorträgen zitiert er aus Bonhoeffers Dissertation mit dem Titel „Sanctorum Communio“ (Gemeinschaft der Heiligen) aus dem Jahre 1927 (!): „Christlich-soziale Arbeit hat Bewunderungswürdiges geleistet; wo aber bleibt die sachliche Auseinandersetzung von Evangelium, Gemeinde und Proletariat? Es ist m.E. nicht zu verkennen, dass Zukunft und Hoffnung unserer ,bürgerlichen’ Kirche in einer Blutauffrischung liegt, und dass dies nur möglich ist, wenn es der Kirche gelingt, das Proletariat zu gewinnen. Übersieht sie das, so hat sie einen Augenblick schwerster Entscheidung missachtet. Es ist auch nicht schwer zu erkennen, dass die Kirchlichkeit der heutigen Bourgeoisie fadenscheinig und dass ihre Lebenskraft in der Kirche am Ende ist.... Die kommende Kirche wird nicht ,bürgerlich’ sein.“

Mehr denn je gilt wohl in der heutigen Situation Bonhoeffers vor acht Jahrzehnten gestellte Forderung, die Kirche müsse klar bekennen, will sie nicht ihr Kirchesein verlieren. Dies, so Duchrow, beinhaltet nach Bonhoeffer dreierlei: 1. Dem Staat die Legitimation für sein Handeln entziehen; 2. den Opfern dieses Staatshandelns zu dienen; 3. dem Rad in die Speichen zu fallen, d.h. durch ein „evangelisches Konzil“ direkt politisches Handeln zu beschließen, was für Bonhoeffer persönlich die Entscheidung für den Widerstand bedeutete. – Bezogen auf das Heute: Es gilt, wenn die Wirtschaft nicht dem Leben aller dient, sondern umgekehrt notorisch eine Milliarde Menschen unterversorgt und jedes Jahr 30-40 Millionen dem Tod ausliefert, wenn die Logik der Geldvermögensvermehrung nicht nur das einzige Ziel der neoliberalen Wirtschaft ist, sondern auch die Staaten beherrscht und als einzige Logik Herzen und Hirne und sogar das Leben der Kirchen ergreift.

Als Kronzeugen dafür beruft Duchrow Karl-Heinz Brodbeck mit seinem Buch „Die Herrschaft des Geldes. Geschichte und Systematik“ (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2009). Darin stelle der buddhistische Ökonom dar, wie mit dem Entstehen der Geld-Eigentums-Wirtschaft in größer werdenden, arbeitsteiligen Tauschgesellschaften sich auch die Seele und das Denken der Menschen verändern. Brodbecks Kernthese laute: „Das Geld ist kein Ding, das Geld ist eine universalisierte Denkform. ... Die Welt denkt in einer Form, von der sie beherrscht wird und die eben deshalb ihre Macht entfalten kann, weil sie unerkannt ist.“ Dahinter stehe die Erkenntnis, dass mit dem Eintritt des Geldes in die Geschichte der Menschheit (im Zusammenhang mit der Entwicklung der Arbeitsteilung) sich nicht nur die Strukturen des Wirtschaftens, sondern auch die Seelen der Menschen verändert haben. Mit dem Geld begännen die Menschen, sich nicht nur durch Sprache zu verständigen, sondern durch Rechnen. Und zwar berechneten sie nicht nur Dinge, sondern sich selbst gegenseitig. Die einzigen Denker der Vergangenheit, die im Ansatz erkannt hätten, dass Geld kein Ding, sondern eine spezifische Form der Vergesellschaftung der Menschen ist, seien für Brodbeck Aristoteles und Karl Marx.

Im globalen Kapitalismus, so Duchrow weiter, hat die berechnend kalkulierende Denkform die totale Herrschaft über alle Lebensbereiche übernommen. Das gelte nicht nur im Hinblick auf die Strukturen, sondern die einzelnen Menschen, die vor jeder Handlung fragen: „Was bringt es mir?“, „Rechnet sich’s?“ Oder in der Werbesprache der Postbank: „Unterm Strich – zähl ich.“ Daraus folge: Die Herrschaft des Geldes endet nur, wenn die Subjekte aufhören, sie als ihre Subjektform zu reproduzieren, wenn die Schulen, Hochschulen und Medien ihre Märchen von den Sachzwängen der Märkte beenden. Diese Sachzwänge gebe es nur als Täuschung; allerdings als eine sehr mächtige Täuschung, die ihre Macht dadurch gewinnt, dass sich die Vielen ihr unterwerfen. Indem die Menschen alltäglich in Geld rechnen, anerkennten und erzeugten sie dessen Geltung, damit aber auch alle daraus entspringenden irrationalen Leidenschaften und Institutionalisierungen wie den Zins und die Finanzmärkte.

Das heiße: Das, was uns von Ökonomen als Sachzwänge verkauft wird, ist nur so lange Sachzwang, wie die Mehrheit der Menschen ihn glaubt. Die Geldherrschaft, denen sich die meisten heute ohnmächtig ausgeliefert fühlen, könne in dem Moment gebrochen werden, wo Viele ihr die Gefolgschaft aufkündigen, anfangen miteinander darüber zu reden, in welcher Gesellschaft sie leben wollen und entsprechend alternativ zu handeln beginnen. Auch wenn dies sicherlich noch nicht zur wirklichen Lösung des tiefer liegenden Problems führt, so ebnet solches Denken doch gewiss den Weg auf der Suche nach einer besseren Welt. Dessen nächste Etappen sind bei Kairos Europa Veranstaltungen in Frankfurt/M. (31.5.-1.6.2010, voraussichtlich im Hotel „Maingau“) und Mannheim (15. bis 17. Oktober 2010, im Ökumenischen Bildungszentrum „sanctclara“). Das Prickelnde daran: die Teilnahme von Michael Brie als Direktor des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung im Gespräch mit Prof. Dr. Hans Diefenbacher, Studienleiter der Forschungsstätte der Evang. Studiengemeinschaft (FEST) und Umweltbeauftragter der EKD (in Frankfurt über „Die Wiederentdeckung der globalen Gemeingüter: Ein konstruktiver Beitrag zur Überwindung von Klimakrise und Wachstumszwang? Systemische Konsequenzen für eine gerechte, zukunftsfähige Weltwirtschaftsordnung“) und von Sahra Wagenknecht als Mitglied der Bundestagsfraktion und des Vorstandes der Partei Die Linke im Gespräch mit Sven Giegold, MdEP, Mitbegründer des „Institut für eine solidarische Moderne“ (in Mannheim mit einem „Plädoyer für transformierende Alternativen jenseits des Kapitalismus“).
Christen und marxistische Denker gemeinsam auf der Suche! Endlich! Noch immer? Nach Jahrzehnten!

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